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Aus: Ausgabe vom 17.02.2026, Seite 15 / Natur & Wissenschaft
Bewusstsein

Gerupfte Hühner

Wenn es ist, so zu sein: Grenzen der Definition von Bewusstsein
Von Daniel H. Rapoport
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Wissenschaft bei fieberhafter Suche nach dem Bewusstsein

Im ersten Teil dieser kleinen Serie wurde die Frage behandelt, ob Sprachmodelle wie Chat-GPT Bewusstsein entwickeln könnten. Im zweiten Teil das klassische philosophische Rätsel, ob Bewusstsein überhaupt durch materielle Prozesse erklärt oder erzeugt werden kann. Nun kommen wir an einen Schluss. Eingestanden nicht an die Sorte Schluss, die keine Fragen offen ließe. Die Bewusstseinsfrage ist noch zu unklar gestellt, sie abschließend zu behandeln. Das heißt keineswegs, dass die Gedanken, die wir in den ersten beiden Teilen entwickelt haben, falsch oder vergeblich waren. Im Gegenteil, mit ihrer Hilfe können wir herausbringen, wo mehr Genauigkeit benötigt wird.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass in der Wissenschaft eine Frage noch nicht reif ist. In der Regel betrifft das aber die wissenschaftlichen Methoden, die zur Verfügung stehen. Etwa die Empfindlichkeit oder die Geschwindigkeit einer Messapparatur, das Ausschließenkönnen störender Faktoren etc. Im Fall des Bewusstseins sind die Methoden zwar auch noch vielfach unvollkommen, doch immerhin scheint halbwegs umrissen, welche materiellen Prozesse erforscht werden müssen: diejenigen wohl, die in unserem Körper stattfinden. Auf der anderen Seite ist das, was durch die materiellen Prozesse beschrieben werden soll, begrifflich und methodisch sehr viel unschärfer. Schon die Bezeichnungen dafür sind verdächtig schwammig und vielgestaltig: subjektives Erleben, mentale Inhalte, phänomenale Zustände usw.

Der Verdacht liegt nahe, dass die Schwierigkeit, Bewusstsein als Hervorbringung materieller Prozesse zu beschreiben, großenteils einfach darin liegt, dass wir immer noch nicht genau wissen, was wir da beschreiben wollen. Was Bewusstsein bedeuten soll, darüber herrscht denn auch manifeste wissenschaftliche Konfusion: 2024 etwa stellte der Biologe Robert Kuhn in einem Übersichtsartikel 209 verschiedene publizierte Bewusstseinstheorien zu einer Bewusstseinslandschaft zusammen. Wenn in der Wissenschaft unterschiedliche Theorien miteinander konkurrieren, sind es in der Regel zwei oder drei, nicht 209.

Seltsamerweise gibt es trotz dieser Konfusion eine über 50 Jahre alte Definition von Bewusstsein, die wie ein Fixstern bestehen bleibt und auf die sich sowohl die Verrätseler des Bewusstseins als auch deren Gegner beziehen. Sie stammt vom Philosophen Thomas Nagel und lautet: »Ein Organismus verfügt über Bewusstsein, wenn es irgendwie ist, dieser Organismus zu sein.« Ich glaube, ein Teil der Verwirrung kommt gerade daher, dass so hartnäckig an dieser Definition festgehalten wird. Möglicherweise ist sie ein Relikt; etwas, das einmal wichtig war, um die Debatte zu präzisieren und sich aber nun als unfruchtbar und hinderlich erweist.

Dass es sich um keine besonders gute Definition handelt, lässt sich u. a. dadurch zeigen, dass eine geradezu triviale Theorie des Bewusstseins erzeugt werden kann, indem man sie ernstnimmt. Das geht so: Jedes Lebewesen treibt Stoffwechsel, d. h., es verändert sich ständig bis hinab in seine Moleküle. Diese Änderung hat u. a. auch direkt mit der »Welt da draußen« zu tun: Wenn ein Lebewesen z. B. keine Nahrung findet, verändert es seine Zusammensetzung auf charakteristische Weise. Es entsteht ein Mangel an Aminosäuren, bestimmte Enzyme werden synthetisiert, Notstoffwechselwege eingeschaltet usw. Ein hungriges Lebewesen ist substantiell, d. h. in der Substanz, ein anderes als ein sattes. Das gilt für alle Lebewesen, auch für die primitivsten Einzeller.

So ließe sich nun behaupten: Bewusstsein ist die Fähigkeit eines Lebewesens, die eigenen substantiellen Unterschiede zu kennen. »Kennen« meint dabei keine Extrainstanz eines inneren Beobachters (sonst müsste man dessen Erlebensfähigkeit erklären), sondern ganz einfach die Fähigkeit, verschiedene substantielle Seinszustände miteinander vergleichen zu können. Das kann dadurch ermöglicht werden, dass das Lebewesen über ein Gehirn und damit ein Gedächtnis verfügt, mit dessen Hilfe andere sub­stantielle Zustände verfügbar, ergo vergleichbar und somit simuliert werden können, obwohl sie gerade nicht stattfinden.

Das ganze Nagelsche Bewusstsein lässt sich demnach, wenn man will, auf den Begriff des »substantiellen Unterschiedes« abwälzen. Wieso solche Unterschiede mit innerem Erleben einhergehen? Weil es tatsächlich etwas anderes ist, aus dieser oder jener Substanz zu bestehen, denn die Substanzen unterscheiden sich in ihren chemischen, physikalischen etc. Eigenschaften. Mit anderen Worten: Für ein Wesen, das sich sowohl substantiell ändern als auch diese Änderung kennen kann, ist es immer irgendwie, dieses Wesen zu sein. Stoffwechselnde Lebewesen, die die Verschiedenheit ihrer Stoffwechselzustände (durch Vergleich) bemerken können, erfüllen die Nagelsche Definition exakt.

Ich bringe das Argument nicht als zweihundertzehnte Bewusstseinshypothese, sondern um einen Abschied von Nagels Definition vorzuschlagen. Man kennt in der Philosophie viele Fälle von Definitionen, die zwar Aspekte einer Sache fassen, aber am Ende nicht wahnsinnig erkenntnisträchtig oder fruchtbar waren. Berühmt ist die Anekdote, dass ­Platon den Menschen als »federloses, zweibeiniges Wesen« definierte, woraufhin ihm Diogenes von Sinope ein gerupftes Huhn anschleppte. Eine Definition des Menschen, die gerupfte Hühner zulässt, übersieht möglicherweise einiges von dem, was den Menschen zum Menschen macht. Das Argument vom »substantiellen Unterschied« soll bedeuten: So, wie sich Wesentlicheres über den Menschen sagen lässt, als dass er ein »federloses zweibeiniges Wesen« sei, so wird sich vermutlich Wesentlicheres über das Bewusstsein finden. Ich bin überaus zuversichtlich, dass wir in absehbarer Zeit mehr über das Bewusstsein sagen können als Thomas Nagel vor 50 Jahren. Sollte sich in der Wissenschaft ein Konsens darüber bilden, erfahren Sie es hier an dieser Stelle natürlich als erste.

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