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12.02.2026, 09:16:02 / Sport
Boxen

Der explosive Spätzünder

Darian Yasar ist WBF-Europameister im Weltergewicht – und nutzt den Ring auch für politische Botschaften
Von Oliver Rast
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Darian Yasar: Ein Boxer, der die Profibühne auch für politische Statements nutzt (Flensburg, 16.1.2026)

Mit 35 Jahren holt sich der Hamburger den WBF-EM-Gürtel im Weltergewicht – und wirkt stärker als je zuvor. Im Interview mit junge Welt spricht Darian Yasar (15-1-1; sechs K. o.) über seinen langen Weg nach oben, über Rückschläge und seinen Triumph am 17. Januar bei »Flensburg boxt 2.0«. Für den Tempomacher im Ring ist Boxen jedoch weit mehr als Sport – es ist auch eine Bühne für politische Statements.

Darian, wann hast du erstmals gemerkt, dass Boxen für dich mehr bedeutet als bloßer Sport – dass es ein Ausweg, ein Motor, vielleicht sogar eine Lebensstrategie sein könnte?

Ich glaube, Boxen ist für mich eigentlich schon immer mehr gewesen als nur ein Sport. Aber vielleicht war das anfangs eher unbewusst. Boxen hat viele Parallelen zum Leben. Ich will nicht allzu philosophisch werden, aber ja, man arbeitet hart, dann läuft manchmal alles ganz gut, und zack – auf einmal passiert etwas, das einen komplett zurückwirft. Genau wie im Ring. Dann muss ich durchatmen, mich fokussieren, wieder aufstehen und weitermachen.

Und wie bist du zum Boxsport gekommen?

Durch die Playstation-Spiele »Knockout Kings« und »Fight Night«. Mein Vater wollte vorher schon, dass ich boxe, aber mein Interesse wurde erst durch diese Spiele geweckt. In dieser Zeit erzählte mir ein guter Freund und Nachbar, dass ein Bekannter seiner Familie als Boxtrainer in unserer Stadt arbeitete. Also sind wir als 14jährige gemeinsam zum Training gegangen.

Welche Erfahrungen aus deiner Amateurzeit mit rund 60 Kämpfen waren für deine spätere Profiidentität am einflussreichsten?

Ich glaube, der Gewinn meines ersten Hamburger Turniers ganz am Anfang war wichtig, weil mein Gegner talentierter und kräftiger war als ich. Trotzdem konnte ich ihn durch meine Kondition und meinen Ehrgeiz besiegen. Später verlor ich bei meiner ersten Deutschen Meisterschaft der U 21 knapp und umstritten gegen den Titelträger des Vorjahres, Viktor Gasselbach. Erst im dritten Duell konnte ich ihn schlagen. Kurz gesagt: Kämpfe gegen Arbi Chakaev, Sebastian Formella, Berat Aciksari oder Abass Baraou waren aufgrund des hohen Levels prägend. Und klar, meine ersten vorzeitigen Siege waren ebenfalls relevant.

Der Schritt ins Profilager ist für viele Boxer ein Risiko – was war der Punkt, an dem du entschieden hast, dieses Wagnis einzugehen, und welche Zweifel hast du damals womöglich gehabt?

Ehrlich gesagt war eine Karriere als Profi schon mein Ziel, als ich das erste Mal in die Halle zum Boxtraining gegangen bin. Mich hat das Amateurboxen nie wirklich interessiert, und mit den drei Runden kam ich auch nie gut zurecht. Ich habe von Anfang an den Traum gehabt, Profi zu werden. Ich habe nächtelang Boxstreams aus den USA oder sonst woher verfolgt und mir immer viele große Kämpfe angesehen. Zweifel hatte ich nie ernsthaft. Ich bin sehr ehrgeizig, gerade was das Boxen angeht. Eher war es so, dass ich lange keine realistische Chance gesehen habe, Profi zu werden. Meistens wurden nur Deutsche Meister oder Olympiateilnehmer bei den großen Promotions unter Vertrag genommen. Ich habe ja nie große Titel bei den Amateuren gewonnen. Letztendlich wurde ich quasi als Sparringspartner eines Hamburger Boxers dann selbst Profi. Das war 2016.

Dein Nickname ist »The Dreamer« – warum?

Dieser beschreibt mich tatsächlich auf vielen Ebenen sehr gut. Ich möchte bewusst an das glauben, was ich im individuellen Kontext als Boxer und Mensch schaffen kann, aber auch an das, was wir als Gemeinschaft und Gesellschaft erreichen können. Dafür muss man träumen und manchmal auch wieder an Utopien glauben.

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Demonstrativer Auftritt im Ring: Solidarität mit der verfolgten kurdischen Community (Flensburg, 17.1.2026)

Wie hat sich dein Boxstil im Verlauf deiner Laufbahn verändert – technisch, taktisch? Und welche Rolle spielen für dich Ring Generalship und Fight IQ?

Mein Boxstil verändert sich einerseits stetig, und andererseits bleiben gewisse Elemente immer bestehen. Technisch lerne ich gerade in den vergangenen Monaten noch mal sehr viel Neues und Effektives von meinem Coach Owen Reece. Er ist wirklich erfahren, was die Boxwelt und Fähigkeiten im Ring angeht. Ich bin sehr dankbar, von ihm zu lernen. Ich habe mich in einigen Aspekten deutlich verbessert, seitdem er mich trainiert. Das Neue verbindet sich so langsam mit dem Alten, und der Erfolg kommt. Ring Generalship kann eine entscheidende Rolle für den Sieg spielen, genauso aber auch ein hoher Fight IQ. Bestenfalls hat man beides.

Welche Personen in deinem sportlichen Umfeld haben dich boxerisch am stärksten geprägt – und wo haben Konflikte dich vielleicht sogar weitergebracht?

Mein jetziger Coach Owen beeinflusst mich aktuell sehr positiv. Er bringt mir selbst nach mehr als 20 Jahren Boxen noch neue Dinge bei. Mein erster Coach bei den Amateuren war ebenfalls wichtig, denke ich. Von einigen Coaches konnte ich wichtige Dinge mitnehmen – von Juan Carlos Gómez, von Artur Gregorian oder auch Robert Harutyunyan. Als Trainings- bzw. Sparringspartner hat mich Artem Harutyunyan sicherlich weitergebracht. Er hat definitiv das Level der Weltspitze. Auch Sebastian Formella früher. In den vergangenen Jahren lerne ich zudem einiges durch Freddy Kiwitt und Ekin Erol. Außerdem habe ich durch Owen nun jemanden wie Dominik Ameri im Team. Er hat unglaubliche Erfahrung gegen Topleute, wovon ich ebenfalls profitiere.

Konflikte gab es leider nie zuwenig in meiner Karriere, sonst wäre ich wohl schon weiter. Aber alles okay – ich will keine schlechten Worte über irgendwen verlieren. Ich bin jetzt da, wo ich sein soll. Das hat vermutlich alles seinen Grund.

Jeder Boxer erlebt Rückschläge, aber nicht jeder verarbeitet sie gleich: Wie hast du beispielsweise deine erste Profiniederlage gegen Volkan Gökçek im März 2025 weggesteckt? Hast du danach etwas verändert?

Diese Niederlage habe ich echt gut weggesteckt. Ich hatte die Vorbereitung fast komplett alleine durchgezogen. Ursprünglich sollte ich gegen einen anderen Boxer kämpfen. Den Fight gegen Gökçek habe ich erst eine Woche vorher angenommen. Er war bereits in den Top 100 der Welt gelistet – dort wollte ich auch hin. Er war aber sehr stark, und so war die Vorbereitung ohne Coach nicht ausreichend gegen jemanden, der zehn K. o. aus 15 Kämpfen hatte. Immerhin war ich der erste, der ihm acht Runden abverlangt hat. Das war irgendwo auch ein kleiner Erfolg. Danach fing Owen an, mich zu trainieren.

Und wie wichtig waren Ende 2025 die Siege gegen Nikolas Botos und György Mizsei mit Blick auf deine Formkurve – haben die beiden Gegner dich gewissermaßen wieder aufgebaut?

Der Fight gegen Mizsei hat mich sehr in meinem Selbstbewusstsein gepusht. Ich wollte schon lange gegen ihn kämpfen. Er war mal EBU-Europameister und ist technisch sehr gut. Ich konnte ihn deutlich schlagen. Der Kampf gegen Botos war ein absoluter Reinfall. Mein ursprünglicher Gegner fiel am Kampftag aus, und dann war er die einzige Option. Ich weiß, dass viele Journeymen es schwer haben und ihre Gesundheit nicht aufs Spiel setzen möchten, aber das war leider kein richtiger Boxkampf. Na ja, immerhin ein weiterer K.-o.-Sieg in meiner Bilanz.

Wie lief deine Vorbereitung auf den WBF-EM-Titelfight gegen den Stadtgenossen Menal Topcu am 17. Januar in Flensburg ab – von der Gegneranalyse über Sparringsschwerpunkte bis zum finalen Gameplan?

Die Vorbereitung war insgesamt sehr lang. Auch der Kampf im Oktober zählte für mich schon zur Vorbereitung auf den WBF-Titelkampf. Ich habe fleißig trainiert, war viel laufen und hatte wegen der Verschiebung des Events im November eigentlich zwei Sparringsphasen. In der ersten hatte ich einen sehr starken Sparringspartner, der einen ähnlichen Stil wie Menal boxt. Insgesamt hatte ich viele Sparringspartner, denen ich sehr dankbar bin. Ich habe Menal im November in Lübeck einmal boxen sehen. Besonders aufgefallen war mir seine hängende Deckung. Der Gameplan war mir und meinem Coach schon lange relativ klar – hundertprozentig dann aber erst in der letzten Sparringswoche.

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Mit 35 Jahren holt sich der Hamburger den WBF-EM-Gürtel im Weltergewicht (Flensburg, 17.1.2026)

Welche taktischen Momente waren aus deiner Sicht entscheidend für den Ausgang des Duells, der »informellen Hamburger Meisterschaft«?

Ich glaube, dass ich mich meinem Gegner gegenüber von Anfang an sehr selbstsicher und ernst gezeigt habe. Und das war ich auch. Mein Ehrgeiz und mein Antrieb waren entscheidend. Ich wollte diesen Gürtel unbedingt, und das habe ich von der ersten Sekunde an gezeigt. Ich habe alle Chancen genutzt, die er mir gegeben hat. Dabei habe ich meine Erfahrung und andere Stärken ausgenutzt. Ausschlaggebend war mein Wille.

Wie ordnest du den WBF-EM-Titelgewinn sportlich ein – als Ergebnis eines langfristigen Entwicklungsprozesses und im Kontext deiner bisherigen Karriere?

Die WBF-EM ist definitiv der Höhepunkt meiner bisherigen Karriere. Endlich gab es eine Titelchance, und wir haben uns den Gürtel geholt. Langfristig gesehen soll das für mich der erste Schritt in Richtung meines Traums sein. Ich werde nun weiter hart trainieren, damit er in Erfüllung geht.

Der Ring ist für dich nicht nur sportliche Bühne, sondern auch Raum für politische Statements – vom »Krieg dem Krieg«-Stirnband bis zu Palästina- oder Kurdistan-Fahnen. Welche Botschaft willst du damit aussenden – und wieviel Politik verträgt das Profiboxen?

Ich freue mich sehr, dass ich so eine wichtige Frage gestellt bekomme. Danke dafür. Das Boxen nur als sportlichen Wettkampf zu betrachten ist für mich keine Option. Es gibt soviel Wichtigeres als Boxen. Verstehe mich nicht falsch, irgendwo liebe ich diesen Sport ja auch, aber bei all den grausamen Dingen, die passieren, muss man tun, was man kann. Ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass eigentlich alles »politisch« ist. Es gibt gewisse Privilegien, die auch ich habe, und die möchte ich nutzen, um vielleicht etwas verbessern zu können.

Meine Botschaft kann verschieden formuliert werden, aber am Ende läuft es immer auf dasselbe hinaus: Ich will, dass sich Menschen zusammentun – für Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit. Das Profiboxen könnte sehr viel mehr Politik vertragen. Was ich mit Politik meine, wird wahrscheinlich verständlicher, wenn ich Muhammad Ali erwähne. Er war der größte Boxer aller Zeiten und durch und durch politisch. Er verweigerte den Kriegsdienst, weil er keine unschuldigen Menschen umbringen wollte. Dafür nahm man ihm viele gute Jahre als Boxer und Champ. Das ist wahre Größe, die ich mir besonders von Boxerinnen und Boxern, aber auch anderen Persönlichkeiten im Sport wünsche. Ein Einstehen für Menschen und unsere Welt.

Zum Schluss ein Blick nach vorn: Was folgt für dich nach dem EM-Gürtel? Menal Topcu hat dir direkt im Ring ein Rematch angeboten – kommt es dazu? Und mit 35: Bist du jetzt in deiner Prime?

Aktuell lasse ich erst mal alles auf mich zukommen. Ich dachte mir, dass nun mit dem Gürtel wahrscheinlich interessante Angebote kommen werden – gerade international. Ich will noch nicht zuviel verraten, aber da ist jetzt nach einigen Tagen auf jeden Fall schon etwas wirklich Gutes dabei.

Das Rematch mit Menal ist so eine Sache. Ich habe generell überhaupt kein Problem damit, noch mal gegen ihn zu kämpfen – und das wollte ich auch am Mikro im Ring deutlich machen. Wenn wir aber bei den Fakten bleiben, habe ich klar und dominant gewonnen, und aktuell würde mich ein Rematch wohl nicht wirklich weiterbringen. Vielleicht gewinnt er ja ein, zwei gute Fights, und dann ergibt das Ganze wieder mehr Sinn.

Und ja, ich war schon immer ein Spätzünder. Vielleicht beginnt meine Prime gerade erst.

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