Auf Anhieb vorn
Von Andreas Müller
Duplizität der Ereignisse: Wenn heute im »Cortina Sliding Centre« Bobs zum offiziellen Training an den Start geschoben werden, bevor sie ab dem 15. Februar um olympische Medaillen durch den Eiskanal rasen, treffen sich prominente DDR-Bobsportler vergangener Tage nach 50 Jahren an der Stätte ihrer historischen Erfolge. Etwa ein Dutzend der ehemaligen Athleten um den dreimaligen Olympiasieger Meinhard Nehmer und den Weltmeister von 1977 und späteren Erfolgsbundestrainer Raimund Bethge sind bis Sonntag in Österreich gemütlich beieinander, um sich glänzender Zeiten zu erinnern. Genauer: In Innsbruck-Lans, etwa anderthalb Kilometer von der Bobbahn in Igls entfernt, wo die ostdeutschen »Zigarren« bei den Winterspielen 1976 erstmals Gold gewannen und die Wintersportwelt um eine neue Bobsportnation bereicherten. »In Lans hatten wir damals bei den Winterspielen unser Quartier. Dort haben wir auch später bei Wettkämpfen immer gewohnt. Was lag näher, als uns jetzt aus gegebenem Anlass dort zu treffen?« berichtet Meinhard Nehmer gegenüber jW.
Der frühere Fregattenkapitän der Volksmarine, der vor einem Monat zu Hause nahe dem Kap Arkona seinen 85. Geburtstag beging, trug bei der Eröffnung der Spiele 1976 mit »unglaublicher Gänsehaut« die DDR-Flagge. Anschließend steuerte er in der Eisrinne von Innsbruck-Igls im »Zweier« mit Bernhard Germeshausen erstmals einen ostdeutschen Bob zu Olympiagold und siegte vor Wolfgang Zimmerer mit Manfred Schumann aus der Bundesrepublik. Ein erstaunliches Kapitel der DDR-Sportgeschichte, das bis heute fortwirkt. In diesem so materialintensiven Sport zu den Besten aufzusteigen, war mit enormen Kosten verbunden. Über 130 Millionen DDR-Mark sollen laut offiziellen Quellen vonnöten gewesen sein, allein um ab 1982 die Bahn im osterzgebirgischen Altenberg zu errichten und vier Jahre später nach einigem »Pfusch am Bau« endlich fertigzustellen. Bereits 1971 eröffnete in Oberhof die damals weltweit zweite künstlich vereiste Bahn, die erste Piste dieser Art ging 1969 in Schönau am Königsee in Betrieb.
Zumindest nach Medaillen gerechnet lohnte der Aufwand. Auch im »Vierer« hatte der Nehmer-Bob vor 50 Jahren auf Anhieb die Nase vorn – wie bei seinem dritten Olympiagold 1980 in Lake Placid, wo er zum Erstaunen der Experten diese hochanspruchsvolle Bahn erstmals unter einer Minute bewältigte. Es waren die ersten Glieder einer langen Kette aus Gold und anderen Edelmetallen. Anschließend fuhr, nur den »großen Schlitten« betrachtet, Wolfgang Hoppe 1984 zum Olympiasieg und 1988 sowie 1992 jeweils zu Silber, ehe Harald Czudaj 1994 im »Vierer« wieder Olympiagold gewann wie Christoph Langen 1998. Danach gelang André Lange dieses olympische Kunststück bei den Spielen 2002 und 2006 (plus Silber 2010) sogar doppelt, ebenso Francesco Friedrich 2018 und 2022.
In dieser Galerie von Ausnamekönnern sei er bis heute als einziger mit einem Viererbob im Wettkampf nie gestürzt, schildert Meinhard Nehmer. Am Start war er nie der Schnellste, doch verstand er wie kaum ein anderer, die Bahnen mit ihren Tücken »zu lesen«. Eine Erfolgs- als auch Gesundheitsgarantie. Damals hatten die Männer an den Lenkseilen oft genug mit schlechter Sicht im Eiskanal zu kämpfen, etwa weil es noch keine Sonnensegel gab, und Stürze samt Knochenbrüchen waren keine Seltenheit. »Im Vergleich dazu«, befindet Nehmer, »haben es unsere Nachfolger heute deutlich leichter.«
Längst überwunden ist die Ära, als sich Tüftler wie er mit Unikaten der »Marke Eigenbau« die Bahn hinabstürzten. Zumindest habe es vor den Innsbruck-Spielen schon die Zusammenarbeit mit den Barkas-Werken im früheren Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz, gegeben und insbesondere mit der Dresdner Flugzeugwerft gemäß der naheliegenden Überlegung: Wie die Flieger müssen Gefährte im Eiskanal vor allem aerodynamisch sein. Wohl daher der Name Bobpilot. Die Kooperation mit der Flugzeugwerft war übrigens eine von mehreren, die im und für den DDR-Spitzensport vom Technischen Zentrum für Geräte und Anlagen (TZGA) in Leipzig gesteuert wurden. Eine Zentrale, 1988 mit 266 Beschäftigten und einem Etat von 6,3 Millionen DDR-Mark, die ein ganzes Bündel an Partnerschaften besorgte: für Ruderer, Segler und Kanuten mit der Bootswerft in Berlin-Grünau, für den Radsport mit den Diamant-Werken in Karl-Marx-Stadt, für den nordischen Skisport mit Germina im thüringischen Schmalkalden.
Sozusagen serienmäßig begann der Bau von immer besseren Bobs vor Olympia in Lake Placid. Dank ungezählter Tests in Oberhof wurden die blauen DDR-Bobs aus Sachsen planmäßig weiterentwickelt und zwischenzeitlich bis Mitte der 80er Jahre gegen Devisen sogar ins Ausland verkauft. Nach 1989 knüpfte man unter völlig veränderten Verhältnissen an die Kommerz-Ära an. Nach Übernahme der Flugzeugwerft durch die Deutsche Aerospace war es trotz schwerer Bedenken der Treuhandanstalt gelungen, das ausgefallene wintersportliche Geschäftsfeld in eine eigene GmbH »auszugründen«. Bis zu ihrer endgültigen Insolvenz 2017 wurden mehr als 300 Zweier- und Viererbobs an Kunden in 38 Ländern ausgeliefert.
Einer der »Sargnägel« für das wirtschaftliche Aus der Bobproduktion an der Elbe war die Entstehung des Instituts für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) zu Beginn der 90er Jahre. Das Institut, ausschließlich mit Bundesmitteln gefördert, spezialisierte sich neben anderen Sportgeräten zunehmend auch auf Bobs, erwarb dank erstklassiger Neu- und Weiterentwicklungen das Vertrauen der Athleten und Trainer und eroberte sukzessive den heimischen Markt. Und zwar so weit, dass die »Medaillenschmiede« in Berlin-Schöneweide inzwischen die bundesdeutsche Elite bei Frauen mit Mono- und Zweierbobs und bei Männern mit Zweier- und Viererschlitten komplett versorgt. Sämtliche Starterinnen des Bob- und Schlittenverbandes (BSD) werden in den kommenden Tagen in Cortina die Olympiapiste mit FES-Material hinunterrasen. Reibereien und Eifersüchteleien wegen des besten Chassis oder der eventuell besseren Kufen, wie es sie früher zwischen den Crews zumeist verborgen vor der Öffentlichkeit gab, sind nunmehr passé. Im Gegenteil ist FES-Direktor Michael Nitsch hocherfreut, dass sportlich konkurrierende BSD-Teams sich als Partner und Kollegen verstehen und am selben Strang ziehen, wenn es gilt, das Material weiter zu optimieren.
Bleibt für die anstehenden olympischen Bobwettbewerbe in Norditalien nur noch die Frage, in welcher Reihung die großen Favoriten Francesco »Fritz« Friedrich aus Pirna und Johannes Lochner aus Berchtesgaden, der vor vier Jahren in Beijing im »Vierer« hinter dem Sachsen zu Silber fuhr, in den nächsten Tagen ins Ziel kommen. Beide Superpiloten beenden nach dieser Saison ihre Karriere, beide wollen in Cortina zum guten Schluss die Krone. Oder macht ihnen in den letzten Karrierekurven womöglich mit Adam Ammour aus Hessen der Shootingstar der aktuellen Saison einen Strich durch die Rechnung wie schon einmal im Weltcup? Für den BSD kein Problem. Mit so viel absoluter Weltklasse aus den eigenen Reihen könnte diesmal glatt das gesamte Siegerpodest schwarz-rot-gold eingefärbt werden. Nicht die schlechteste olympische Aussicht, um jetzt in Cortina die Gold- und Edelmetallgeschichte des Bobsports just 50 Jahre nach den grandiosen Nehmer-Fuhren von Innsbruck-Igls fortzuschreiben.
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