Klischees am Wegesrand
Von Ken Merten
Das Schöne und das Biest: Erlebnisorientierte Fußballfans sind nicht nur eine Meldung wert, wenn mal wieder was kokelt. Sie finden auch Einzug in die Kunst. Unter der Regie Lexi Alexanders (»Green Street Hooligan«, 2005) lernte Elijah Wood, dass es nicht nur Heldenreisen beringt zum Schicksalsberg gibt, sondern auch zum Straßenkampf zwischen West Ham United und Millwall FC. 2020 sah man dann auf Netflix Francesco Lettieris »Ultras«, für das irgendein VIP-Bereich-Furzer den entpassionierten deutschen Titel »Über das Ergebnis hinaus« ersann. Man kennt’s, auch die Literatur: Philipp Winklers Debütroman »Hool« (Aufbau-Verlag, 2016) über hauende Hannoveraner mit hamletianischem Plot wurde nicht zu Unrecht vom Betrieb mit Kusshand angenommen und satt prämiert. Und selbstverständlich gab es die Debatte um Authentizität und Klassenrealismus: Kann ein Proll überhaupt die Schönheit gebrochenen Lichts in einer Straßenpfütze erkennen und ausdrücken?
Die Kampfansage von Spargeltarzans aus dem Feuilleton griffen andere unter anderen Vorzeichen voraus: »Ein Hool schreibt ein wirklich schönes Gedicht / Irgendjemand tritt ihm dafür ins Gesicht«, weinte Marcus Wiebusch 1991 ins Mikro, damals noch für die Politpunker … But Alive! Das Ding mit den Rollenbildern in einer Gesellschaft, die nicht durch Fäusteschwingen bei Straßenschlachten geregelt wird, sondern durch staatliche Macht- und Eigentumsverhältnisse.
Für den Arbeiter-und-Bauern-Staat DDR hieß das: Auch dort gehörte das Stadion nicht jenen, die die Kurvenklopperei am besten brachten. Es gehörte aber auch keinen Investoren und die Spieler auf dem Platz bezogen Gehälter, die zum Leben, nicht aber zum Erwerb ganzer Karibikinseln reichten.
Den Übergang von Soz. zum Kap. hat der DDR-Rekordmeister im Herrenfußball besonders schlecht vertragen: Der BFC Dynamo aus Berlin krebst in der vierten Liga herum. Jonas Christian Ulrich hat ihm nun einen Roman angedacht. »Auf die Fresse!« ist stellenweise Essay, wenn die Vereinsgeschichte aufgerollt wird, weitestgehend aber Straßenheldenreise: Fünf vom Leben weitgehend Aussortierte wollen zur zweiten Runde im DFB-Pokal nach München reisen. Dorthin, zum bundesdeutschen Rekordmeister FC Bayern, geht es für den BFC, nachdem der in der ersten Runde den Stadtrivalen Union mit ordentlich Massel aus dem Wettbewerb gekegelt hatte und der Ausschreitungen wegen zur Strafe sein Heimrecht als Amateurverein abtreten musste.
Im Zuge der Auseinandersetzungen mit den Köpenickern wird das Quintett unverdient mit Stadionverboten bedacht. So zuckeln der joblose Boxer mit ramponiertem Knie, seine Liebschaft, der bierselige Rollstuhlfahrer mit Tourettebescheinigung, der mit Pazifismus dauerscheiternde Sozialarbeiter (»›Ich freu mich schon seit Wochen auf die Fahrt. Hab sogar Proviant dabei.‹ Er hob ein Sixpack Beck’s hoch und präsentierte es der Runde.«) und der obligatorische Zivibulle im Trabant über die Bundesautobahnen. Ihnen hinterher wie Ahab dem Pottwal: hyperaktive Kommissare und spaßbremsende Vereinsverantwortliche.
Gerade im Rahmen von Risikospielen mag mancher ja schon vorab festgenommen worden sein, ehe er überhaupt etwas hätte anstellen können. Auf frischer Tat ertappt werden, überzeugt das Gericht dann aber eher. Es ist nachvollziehbar, wenn die Polizei die fünf Chaoten erst mal lostuckern lässt – warum aber jene nicht gleich in Berlin festhalten, wenn man nicht möchte, dass sie auswärts den eigenen Club schädigen? Logik aus, Glaube an: Nur so lässt es sich Fan sein – und Straßenhatzen genießen. Über solche hatte schon Arthur Spooner (Jerry Stiller) in der Sitcom »King of Queens« (1998–2007) den Stab gebrochen, als er die Frage aufwarf, was denn die Fahrerei – und damit die ganze Story – solle, wenn man doch einfach anrufen könne.
Hier verbietet sich das: Auswärtsspiele sind Präsenzveranstaltungen. Präsent aber sind neben einem hanebüchenen Plot und einem Potpourri an Schmähworten jedes Klischee, das am Wegesrand liegt. Zur Liebschaft, die ihrem Macker das Dosenbier reicht und ihm zuliebe schon fürs zweite Date ein Dynamo-Dress kauft und mit in den Jahn-Sportpark trippelt, gesellt sich allerlei Erwartbares. Und Falsches: Dass der Autor einen »FC Freiburg« fingiert, mag aus Desinteresse am Wessitum passieren; dem Lektorat aber hätte das auffallen müssen, ebenso wie es seit 1963 und Gerry and the Pacemakers eigentlich und korrekt heißen müsste: »You’ll Never Walk Alone«.
Die literarische Pappe auf der Autobahn, die die Regionalligaroadnovel »Auf die Fresse!« ist – und hier sei das einmal nur vom Rezensenten gesagt, der es mit Dynamo hält, aber der Sportgemeinschaft aus Dresden –, passt ja zum geschmähten wie geschundenen BFC Dynamo. Wer aber dessen Parteigängerin oder Parteigänger ist, muss Jonas Christian Ulrichs Buch erwerben – ebenso jene, denen die im Roman inflationär beschworene »Ostalgie« so am Herzen liegt wie einst Erich Mielke sein Hohenschönhausener Dynamo. Dafür liegt »Auf die Fresse!« auch ganze Stockwerke weiter oben als andere Kolportagen über den Osten, etwa die Pimmelpoesie desjenigen, der über Amazon als Hans Hartwig so (ungewollt) lustige Taschenbücher vertreibt mit Titeln wie »Heiße Erotik im Sozialismus« oder »Geiler Analsex in der DDR«.
Jonas Christian Ulrich: Auf die Fresse! Eulenspiegel-Verlag, Berlin 2025, 256 Seiten, 18 Euro
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