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Aus: Ausgabe vom 06.02.2026, Seite 16 / Sport
Olympischen Winterspiele

Die Kosten der Sicherheit

Zur Eröffnung der XXV. Olympischen Winterspiele in Mailand und Cortina d’Ampezzo
Von Gabriel Kuhn
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Am Freitag werden die Olympischen Winterspiele 2026 im Mailänder San-Siro-Stadion eröffnet. Die Kultstätte des Fußballs heißt den Wintersport willkommen. Mailand ist einer von zwei offiziellen Austragungsorten der Olympischen Spiele. Cortina d’Ampezzo, 400 Kilo­meter entfernt, ist der andere. Die doppelte Gastgeberrolle ist ein Novum. Dabei sind die Wettkampfstätten noch breiter gefächert. In Mailand findet alles auf Eis statt: Eiskunstlauf, Eisschnellauf, Eishockey (erstmals seit 2014 wieder mit allen NHL-Stars). Die Ausnahme bildet das Curlingturnier, das in Cortina stattfindet, genauso wie die Bob- und Rodelrennen sowie die alpinen Skiwettbewerbe der Frauen. Die Männer fahren in Bormio, wo auch das Skibergsteigen seine olympische Premiere feiert. Biathlon in Antholz, Skispringen und Nordische Kombination in Predazzo, Langlauf in Terveso sowie Snowboard und Freestyle in Livigno runden das Bild ab. Abschlussfeier in der Arena von Verona.

Wer glaubt, die breite räumliche Aufteilung der Veranstaltungen würde ein Zeitalter kostengünstiger und nachhaltiger Winterspiele einläuten, befindet sich im Irrtum. Der Bau der neuen Bob- und Rodelbahn in Cortina kostete schlappe 110 Millionen Euro. Die Bahn wurde zum Politikum, da nationalistische Kräfte partout nicht nach Innsbruck ausweichen wollten. Ihre Zukunft: ungewiss. Die für ähnlich viel Geld anlässlich der Olympischen Winterspiele in Turin 2006 gebaute Bahn ist heute bereits eine Ruine. Ganze 200 Millionen Euro kostete die Renovierung der Arena Santa Giulia in Mailand, in der Eishockey gespielt wird. Die Biathlonanlage in Antholz wurde um 60 Millionen Euro aufgerüstet, die Schanzen in Predazzo für 40 Millionen erneuert. Allerdings nicht sehr erfolgreich. Nachdem sich bei den ersten Testsprüngen im September 2025 drei Skispringerinnen schwer verletzt hatten, wurden die Neigungswinkel der Schanzen angepasst, um sie sicherer zu machen. Die verletzten Springerinnen versäumen die Spiele trotzdem.

Das gilt auch für die meisten Wintersportler aus Russland und Belarus. Allerdings nicht wegen Verletzungen, sondern weil sie aufgrund des Krieges in der Ukraine nicht zugelassen sind. Ausnahmen gelten für einige wenige, die als »neutrale Athleten« im Eisschnellauf, Eiskunstlauf und Skibergsteigen antreten dürfen. Kein anderer der internationalen Wintersportverbände lässt diese Möglichkeit zu. Dafür haben die USA das größte Aufgebot aller Nationen gemeldet. Sogar Mitarbeiter der Einwanderungsbehörde ICE werden während der Spiele vor Ort sein, um die Sicherheit der US-Delegation zu garantieren. Eine interessante Konstellation, stellen ICE-Beamte für gewöhnliche Menschen in den USA doch ein erhebliches Sicherheitsrisiko dar.

Zurück zum Sportlichen: Das Skibergsteigen ist neu, im Programm der anderen Sportarten kam es zu Anpassungen. So wurden die traditionellen Teamwettbewerbe mit jeweils vier Teilnehmern im Skisprung und der Nordischen Kombination gestrichen. Statt dessen gehen jeweils nur zwei Athleten gemeinsam an den Start, in der Nordischen Kombination in einem Teamsprint und im Skispringen unter dem selten dummen Namen »Super-Team-Wettbewerb«.

Erfreulich, dass man im Langlauf den Frauen endlich zutraut, die gleichen Distanzen wie die Männer zurücklegen zu können. Dass gleichzeitig die Nordischen Kombiniererinnen weiter von Olympia ausgeschlossen bleiben, ist ein Skandal. Die 20jährige Nathalie Armbruster, stärkste Kombiniererin im Deutschen Skiverband, nahm auf Eurosport kein Blatt vor den Mund: »Man merkt, dass Frauen im 21. Jahrhundert noch immer nicht gleichberechtigt sind. Das ist eine riesige Sauerei.«

Während Armbruster bei Olympia zuschauen muss, will Lindsey Vonn unbedingt dabei sein. Der Alpinsuperstar legte nach fünfjähriger Pause mit 41 Jahren und einer Teilprothese aus Titan im Knie ein sensationelles Comeback hin und gewann in dieser Saison zwei Weltcupabfahrten. Allerdings riss sie sich bei der letzten Abfahrt vor Olympia am 30. Januar in ihrem anderen Knie das Kreuzband. Ende des Comebacks? Nicht unbedingt. Wie Vonn am Dienstag auf einer Pressekonferenz erklärte, will sie ein Antreten mit Schiene riskieren, solange das Knie in den Trainingsläufen »stabil« bleibt.

Eine weitere 41jährige US-Athletin zittert um ihren Einsatz. Allerdings aus anderen Gründen. Die Skeletonpilotin Katie Uhlaender würde gerne zum sechsten Mal bei Olympischen Spielen starten. Das Problem: Sie hat sich nicht qualifiziert. Dafür gibt sie dem kanadischen Team die Schuld. Warum? Die Kanadier zogen bei einem Qualifikationsrennen in Lake Placid im Januar einige Pilotinnen zurück, wodurch das Rennen entwertet wurde und Uhlaender nicht mehr genug Punkte für die Qualifikation sammeln konnte. Uhlaenders Anwälte brachten den Fall vor den Internationalen Sportgerichtshof (CAS), doch dieser fühlte sich nicht zuständig. Jetzt fordert Uhlaender vom Internationalen Olympischen Komitee eine Wildcard. Hohe Ansprüche, aber vielleicht nicht für eine US-Athletin?

Ihren ersten Dopingfall haben die Spiele bereits. Ausgerechnet bei der italienischen Biathletin Rebecca Passler wurde bei einem Dopingtest kurz vor den Spielen die verbotene Substanz Letrozol im Blut entdeckt. Mit Letrozol lassen sich unter anderem durch Anabolika verursachte Nebenwirkungen minimieren. Passler wird bei den Spielen nicht antreten dürfen.

Was gibt es für das deutsche Team zu erwarten? In Beijing vor vier Jahren gewannen die deutschen Athleten 27 Medaillen, eine satte Leistung. In diesem Jahr eine ähnliche Ausbeute zu erlangen wird schwierig. Zwar warten die Medaillen in Bob und Rodeln nur darauf, abgeholt zu werden, doch die sonstigen Aussichten sind weit weniger gut. Ehemals sichere Karten wie Skisprung, Nordische Kombination und Biathlon scheinen es dieses Mal weit weniger, und im alpinen Skisport ist Emma Aicher die einzig realistische Medaillenhoffnung. Vielleicht schlagen die Langläuferinnen zu, sie haben das bei Großveranstaltungen schon öfter getan – ebenso wie die Männer im Eishockey. Im Eiskunstlauf zählen die WM-Zweiten Minerva Hase und Nikita Wolodin zu den Mitfavoriten.

Der Deutsche Olympische Sportbund gab einen Rang unter den ersten drei im Medaillenspiegel als Ziel aus. Platz eins wird Norwegen kaum jemand streitig machen können.

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