Gegründet 1947 Sa. / So., 31. Januar/ 1. Februar 2026, Nr. 26
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Aus: Ausgabe vom 31.01.2026, Seite 4 (Beilage) / Fotoreportagen
Bildreportage

Fragile Freiräume

Chinas Underground zwischen Gemeinschaft, ökonomischem Druck und dem Verschwinden unabhängiger Orte
Von Joshua Regitz. Fotos von Sokol

Als der russische Fotograf Sokol 2021 beginnt, das chinesische Nachtleben mit seiner Filmkamera systematisch zu dokumentieren, ist die Szene weitgehend unsichtbar für die Öffentlichkeit. Clubs existieren in oberen Stockwerken von Bürohäusern, in Industriegebieten oder hinter anonymen Fassaden. Zugang erhält, wer informiert ist, wer Kontakte hat oder wer bereit ist, lange Anfahrten und unklare Öffnungszeiten in Kauf zu nehmen. Gerade während der Pandemie wurden diese Orte zu Rückzugsräumen – fernab des Alltags, in dem Mobilität und soziale Nähe stark eingeschränkt sind.

Was den Fotografen interessiert, ist weniger das Spektakel als die soziale Struktur dieser Nächte. In vielen Städten gibt es nur einen einzigen Ort für elektronische Musik. Eintrittspreise sind vergleichsweise niedrig, internationale DJs selten, das Publikum entsprechend heterogen. Studierende, prekär Beschäftigte, Kreative und Migranten treffen hier aufeinander. Kleidung dient weniger der Distinktion als der praktischen Anpassung an lange Nächte. Getanzt wird ausdauernd, nicht beiläufig. Die Tanzfläche ist kein Nebenraum, sondern Zentrum.

In den Metropolen zeigt sich ein anderes Bild. Das Angebot ist dichter, die Preise sind höher, die Nächte stärker fragmentiert. Clubbesuche werden zu einer Option unter vielen, nicht zu einem Ereignis. Soziale Interaktion verlagert sich an Bars oder in abgetrennte Bereiche, während der Eintritt zunehmend ökonomische Schranken schafft. Markenkooperationen und kuratierte Events verstärken diese Entwicklung und verändern das Publikum ebenso wie die Nutzung der Räume.

Mit dem Ende der Pandemiebeschränkungen 2023 verschärfen sich diese Unterschiede: Steigende Kosten, sinkende Kaufkraft und hohe Mieten führen zur Schließung zahlreicher unabhängiger Orte. Gleichzeitig entstehen neue Formate mit niedrigeren Zugangshürden: temporäre Räume, Orte zwischen Club, Ausstellung und Treffpunkt. Der zuvor enge Austausch zwischen Städten nimmt ab, lokale Szenen arbeiten zunehmend isoliert.

Für Sokol ist das Nachtleben kein Ort des Eskapismus, sondern ein soziales Archiv. Seine Bilder zeigen, wie sich junge Menschen Räume aneignen, in denen Hierarchien abgeschwächt sind und Zugehörigkeit nicht über Einkommen oder Status definiert wird. Der Underground erscheint dabei weniger als Stilfrage denn als ökonomische Notwendigkeit. Was hier dokumentiert wird, sind fragile Freiräume – entstanden aus Mangel, gehalten durch Gemeinschaft, und jederzeit vom Verschwinden bedroht.

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