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Aus: Ausgabe vom 31.01.2026, Seite 3 / Ansichten

Authentischer Typ des Tages: Mario Voigt

Von Nico Popp
Eröffnung der Bratwurst-Saison in Thüringen.jpg
Ohne Senf? Mario Voigt läuft sich für den Sommer warm (Mühlhausen, 22.3.2025)

Mario Voigt ist sicher der authentischste Ministerpräsident, den Thüringen hatte, seit Josef Duchač 1992 von den eigenen Leuten hingemeuchelt wurde. Vogel und Ramelow waren Westimporte, die niemand bestellt hatte, Althaus ein unheimlicher Mathelehrer aus dem Eichsfeld, Lieberknecht eine aus Versehen in die Politik geratene Pastorin – Nikita Chruschtschow hätte als Großherzog von Luxemburg in allen Fällen besser funktioniert.

Voigt dagegen ist echt. Unvergessen, wie er 2024 mit einem lässigen »Ne, Sie haben Mett gesagt« den – natürlich – Wessi Höcke als solchen bloßstellte und in den Staub warf, als der in einem TV-Duell eine ungelenke Attacke zu reiten versuchte und bei der Schilderung der bürokratischen Bedrängnisse eines fiktiven »Eisenacher Fleischermeisters« das Wort »Mettbrötchen« verwendete. Voigt grinsend: »In Thüringen heißt es Gehacktes.« Das saß! Und dazu dieser klare Fokus auf die Bratwurst: 104 Stück davon habe er den letzten Sommer über verspeist, ließ Voigt, der Wirkung gewiss, im vergangenen Jahr in einem Interview fallen. Hut ab, das schafft (und überlebt) nicht jeder.

Hätte Voigt seit jeher nur auf diese Sorte Volkstümlichkeit gesetzt und nicht auch noch diesen verdammten Doktortitel haben wollen – er hätte, sollte ihn der demonstrative Verzehr von Bratwürsten nicht jäh hinwegraffen, Aussichten, jahrzehntelang zu regieren. Nun funkt diese leidige Plagiatsaffäre dazwischen. Höcke holt – »kon­struktives Misstrauensvotum« am 4. Februar – zum Schlag aus, um sich für die Mett-Affäre zu revanchieren, und alle wissen jetzt, dass Voigt seine Dissertation über den US-Präsidentschaftswahlkampf von 2004 geschrieben hat. Das klingt eigentlich zu dürftig, um auch nur für eine Hauptseminararbeit zu taugen. Und oben drauf dann auch noch der Stempel der rechtskonservativen Titelmühle von Eckhard Jesse an der TU Chemnitz – das ist schon hart. Im kommenden Sommer sind 200 Bratwürste fällig.

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  • Leserbrief von Roland Weinert (31. Januar 2026 um 09:22 Uhr)
    Authentisch – kriminell – beides? Jeder, der betrügt, und das Plagiieren ist eine Form von Betrug (und nicht bloß ein – euphemisierend – Schummeln) und kein Kavaliersdelikt, ist ein Krimineller. Die Frage, ist ein 2,xy%-Prozent Krimineller weniger kriminell als ein 90%-Krimineller, stellt sich nicht. Auch auf der Ebene Ministerpräsident nicht. Dies sollte in einem Rechtsstaat eigentlich unstrittig sein. Kriminelle haben insbesondere in Amt und Mandat nichts verloren. Gar nichts. Es gibt Menschen in Deutschland, die haben ihren Arbeitsplatz verloren, weil sie 25 Eurocent und weniger »erschlichen« haben … Dass das Dissertieren des vermeintlich kriminellen MP Voigt z. B. von der »Thüringer Allgemeinen« relativiert wird, ist verständlich (Stichworte Funke-Mediengruppe/Brost-Stiftung/Correktiv usw. Der Rest ist bekannt.), aber für mich als Demokrat und Bürger unerträglich. Mir wurde direkt im erstern Semester (1980/1981) eingebläut, wie richtig zitiert wird, dass immer für den Leser erkennbar sein muss, welches eigene Gedanken/welches fremde Gedanken usw. sind. Da gab es Nulltoleranz und nicht den Hauch einer Ausredemöglichkeit. Und das war und ist gut und richtig. Ferner: Insbesondere auch in politischen Kreisen scheint jede Art von Ethos, Redlichkeit, Ehrenwortspirit, Anstand, das Einstehen für Redlichkeit/Worthalten usw. auf der Strecke geblieben zu sein. Dies ist eine mehr als ungute Entwicklung. Das färbt ab auf unsere Kinder. Ja, es ist eine Art Krebsgeschwür. – Wieso sollte also ein Schüler z. B. in der Abiturprüfung nicht schummeln dürfen ohne Konsequenzen? »Leistung nicht erbracht!«, hieß das zu meiner Zeit. Und dann noch etwas zum Zustand der deutschen Medien allgemein: Es ist Usus, dass ÖRR wie auch Printmedien eine Person durch vermeintlich richtige Behauptungen kaputtmachen (können). Stellen sich diese Behauptungen dann als falsch heraus, erfolgt keine mediale »Großrehabilitierung« … Das ist ein Un-Ding!

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