Hand und Wand
Von Felix Bartels
Herstellen von Kunst ist im Menschen angelegt. Ihre einfachste und älteste Form: die Höhlenmalerei. Kind der Umstände, ergibt sie sich fast zwingend. Wo nicht gebaut, vielmehr gehaust wird, keine Schrift erfunden ist und keine tragbaren Materialien zum Fixieren verfügbar sind, bleibt fast nur die Höhle mit ihren Wänden. Angetrieben vom Bedürfnis, Spuren zu hinterlassen, was zu tun, das bleibt, entstanden Bilder, die zunächst wohl abbildenden Charakter hatten. Große Ereignisse wurden skizziert, etwa eine Jagd der Gruppe. Oder die tägliche Umgebung, Orte, gefährliche Tiere. Dass man heute Wände eher zur Darstellung dessen nutzt, was sein soll, ist dabei kein Widerspruch. In der Kunst fallen Wunsch und Wirklichkeit zusammen; jeder Künstler drückt zugleich aus, wie er die Welt versteht, und was er von der Welt will. Das Sollen allerdings ist schon ein Schritt der Abstraktion, das Ist repräsentiert die Elementarform des künstlerischen Ausdrucks, auch wenn der in ihr noch nicht vollständig vorliegt.
So bleibt von Interesse, wie tief in die Vergangenheit zurück sich künstlerische Produktion nachweisen lässt. Archäologen haben nun auf der indonesischen Insel Sulawesi eine Höhlenmalerei entdeckt, die nach aktueller Datierung als älteste der Welt gelten muss: zwei 67.800 Jahre alte Handumrisse von rötlichem, verblasstem Pigment, die älter sind als alle bislang entdeckten Höhlenmalereien im europäischen Raum. Interessant sind Entdeckung und Datierung auch insofern, als sie Hinweise auf die Ausbreitung des Homo sapiens geben.
Lange galt Europa als Zone, in der die ältesten Höhenmalereien zu finden sind. In den letzten Jahren hat sich die Aufmerksamkeit nach Südostasien verschoben. So etwa durch auf 51.000 Jahre geschätzte Handabdrücke auf Borneo und 45.500 Jahre alte Tierbilder auf Sulawesi. Älter als diese Spuren sind nur Fingerspuren in Lehm, hinterlassen von Neandertalern in Frankreich, bei denen allerdings strittig ist, ob sie der künstlerischen Entäußerung dienten. Die Diskussion verliert nun ein wenig an Gewicht, da die jüngsten Entdeckungen auf Sulawesi einen deutlich älteren Ursprung haben. Ein Team von Archäologen um Maxime Aubert von der australischen Griffith University hat den bis dato kaum erschlossenen Südosten der Insel nach Höhlen mit Felsmalereien abgesucht, wie die Forscher im naturwissenschaftlichen Fachjournal Nature berichten. In insgesamt 44 Höhlen – 14 davon waren bis dahin nicht bekannt – fanden die Archäologen Felsmalereien. Zur Altersbestimmung der Kalkschichten über und unter den gefundenen Bildern benutzte man ein modifiziertes Verfahren der Urandatierung, die zu den verlässlichsten Methoden gehört.
Zahlreiche der entdeckten Felsbilder waren wenige zehntausend Jahre alt; auf der Insel Muna allerdings, die vor der Südostküste Sulawesis liegt, stieß das Team auf deutlich ältere Malereien. »Am ältesten ist ein Handabdruck aus der Höhle Liang Metanduno auf Muna«, berichten Aubert und Kollegen. Dass er mit 67.000 Jahren als ältestes datiertes Kunstwerk der Welt gelten kann, habe »weitreichende Bedeutung für unser Bild der menschlichen Frühgeschichte«. Zugleich nämlich belegen die Handabdrücke, dass der Homo sapiens bereits vor mehr als 67.000 Jahren in diese Region Südostasiens vorgedrungen war. Allerdings ist die genealogische Zuschreibung nicht vollends gesichert. Die Archäologen halten es für wahrscheinlich, dass frühe Vertreter des Homo sapiens die Abdrücke hinterlassen haben.
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vom 27.01.2026