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Aus: Ausgabe vom 15.01.2026, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Recycling in Großbritannien

Ein Jahr Streik bei der Müllabfuhr

Arbeitskampf der Recyclingbeschäftigten im britischen Birmingham geht ins zweite Jahr. Stadtrat beziffert die Kosten
Von Dieter Reinisch
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Sie machen weiter: Arbeiter der Müllabfuhr im Streik (Birmingham, 1.12.2025)

Stellen Sie sich vor: Ein Jahr lang wird Ihr Abfall nicht weggeräumt, die Müllabfuhr kommt nicht, und die Abfallberge ziehen Ratten an. In der zweitgrößten Stadt Großbritanniens ist dies seit einem Jahr der Fall. Denn die Gewerkschaften sind letzten Januar in einen Streik getreten. Doch nicht überall in Birmingham ist die Lage dieselbe: In den wohlhabenden Wohngegenden wurden private Müllentsorgungen organisiert, teilweise von der Bevölkerung, teilweise von der lokalen Labour-Stadtverwaltung finanziert. Diese privaten Müllentsorgungen kosten mittlerweile weit mehr, als die Finanzierung der Forderungen der Gewerkschaft Unite umfassen würde. Doch die Stadtregierung zeigt keinen Willen, auf die Forderungen einzugehen.

Im Arbeitskampf geht es um die für das Recycling zuständigen Beschäftigten. Ihre Posten wurden nach einem Streik im Jahr 2017 geschaffen. Die Labour-Stadtverwaltung möchte diese Stellen nun streichen und behauptet, das sei notwendig, »um Birmingham an die landesweiten Regelungen anzupassen und ungerechte Überbezahlung zu vermeiden«. Die Gewerkschaft Unite widerspricht und betont, dass durch die geplanten Kürzungen der Posten und Wiedereinstellungen in anderen Gehaltsstufen rund 150 Angestellte mehr als 8.000 Pfund Sterling (9.300 Euro) jährlich verlieren würden.

Ein neuer Bericht, den der Stadtrat am Mittwoch veröffentlicht hat, geht davon aus, dass die zusätzlichen Kosten, die für die Stadt durch den Streik entstanden sind, bis März 19 Millionen Pfund Sterling (22 Millionen Euro) ausmachen werden. Neben den Störungen bei der Müllabfuhr für die Einwohner habe der Streik dem Stadtrat, der sich noch von einem Bankrott vor einigen Jahren erholt, erhebliche administrative Kosten verursacht.

Der Bericht der Finanzstadträtin Carol Culley zeigt, dass die prognostizierten einmaligen und direkten Kosten des Streiks insgesamt 14,6 Millionen Pfund Sterling (16,7 Millionen Euro) betragen werden, sollte er bis Ende März andauern. Diese Kosten umfassen Straßenreinigung, Sicherheitskosten sowie zusätzliche Unterstützung bei der Abwicklung der Müllansammlungen. Hinzu kommt ein Einnahmeverlust aufgrund des Wegfalls der Entsorgungsgebühren. Allein das Ausbleiben der Gebühr für die Entsorgung von Gartenabfällen wird auf 4,4 Millionen Pfund Sterling (5,1 Millionen Euro) geschätzt. »Die Einwohner haben die Zahlungen für die Gartenabfallentsorgung zurückerhalten, und der Service wird in diesem Finanzjahr nicht wieder aufgenommen«, heißt es im Bericht. Bereits im Oktober hatte das Kabinett des Stadtrats Empfehlungen genehmigt, wonach sowohl die direkten Kosten, die sich zu diesem Zeitpunkt auf 9,6 Millionen Pfund Sterling (11,1 Millionen Euro) beliefen, als auch die Einnahmeausfälle aus der Gartenabfallentsorgung aus den Rücklagen des Stadtrats gedeckt werden sollten.

Das Streikmandat der Gewerkschaft Unite läuft noch bis Ende März. Um den Streik zu verlängern, muss es fristgerecht neue Abstimmungen unter den Mitgliedern geben. Aktuell sind 275 Gewerkschaftsmitglieder im Arbeitskampf. Anfang 2025 waren es noch 370. Laut der Gewerkschaft ist der Rückgang »hauptsächlich« auf freiwillige Abfindungen zurückzuführen.

Sei das Recycling seit Beginn des Arbeitskampfes ausgesetzt gewesen, habe sich die Müllabfuhr laut Medienberichten in den letzten Monaten verbessert. So wurde laut BBC am 29. Dezember der Abfall der Weihnachtsfeiertage entsorgt: 1.800 Tonnen. »Während des Arbeitskampfes und trotz der anfänglichen Beeinträchtigungen konnten wir die Restmüllabfuhr für alle Haushalte in der Stadt aufrechterhalten, und die Produktivität hat sich sogar um fast ein Viertel gesteigert«, sagte Stadtrat Majid Mahmood der BBC.

Eine Lösung im langen Arbeitskampf ist nicht in Sicht. Die Verhandlungen wurden im vergangenen Sommer offiziell abgebrochen. Der Stadtrat behauptet, die Annahme der Forderungen der Gewerkschaft würde die Lohnkosten in allen öffentlichen Jobs in die Höhe treiben. Diese könne sich die hoch verschuldete Stadt nicht leisten. Derzeit laufen keine konkreten Gespräche zwischen dem Stadtrat und der Gewerkschaft.

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