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Aus: Ausgabe vom 13.01.2026, Seite 15 / Natur & Wissenschaft
Apotheke des Körpers

Hauptsache Bewegung

Regelmäßiger Sport ist gesundheitsfördernd. Der Grund: Myokine genannte Botenstoffe der Muskeln
Von Ronald Weber
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Eine breite Forschungsübersicht von Wissenschaftlern aus Australien und den USA, die im vergangenen Jahr im British Journal of Sports Medicine erschienen ist, hat es noch einmal bestätigt: Regelmäßiger Sport ist nicht nur gut für das körperliche Wohlbefinden, er fördert auch die geistige Leistungsfähigkeit und die Gedächtnisleistung. Bereits im Jahr 2011 hatte ein Team um den US-amerikanischen Psychologen Arthur Kramer in einem Experiment Erstaunliches herausgefunden: Ausgesucht worden waren 120 Frauen und Männer um die 66 Jahre, die man zufällig in zwei Gruppen teilte. Die eine sollte dreimal wöchentlich für 45 Minuten walken, die andere dreimal wöchentlich 45 Minuten lang Yoga treiben und sich dehnen. Anhand von MRT-Scans stellten die Forscher deutliche Unterschiede in der Hirnentwicklung fest: Bei den Personen der Walkinggruppe hatte sich der Hippocampus, der eine wichtige Rolle für das Erinnerungsvermögen spielt und in fortgeschrittenem Alter eigentlich kleiner wird, um rund zwei Prozent vergrößert. Bei der anderen Gruppe hingegen hatte er sich um durchschnittlich 1,4 Prozent verkleinert, wie die Forscher in der Zeitschrift Neuroscience beschrieben. Bei einem später durchgeführten Gedächtnistest erzielten die Probanden der Walkinggruppe zudem weitaus bessere Ergebnisse.

Verantwortlich für das Neurowachstum sind bestimmte Botenstoffe, die die Muskeln bei Kontraktion in den Körperkreislauf abgeben, die sogenannten Myokine, die die dänische Medizinerin Bente Klarlund Pedersen 2003 entdeckt hat. Pedersen hatte gemeinsam mit einem Forscherteam herausgefunden, dass Muskeln, wenn sie sich zusammenziehen, das Protein Interleukin-6 (IL-6) produzieren. Das mittlerweile recht gut erforschte Signalmolekül IL-6 wirkt infolge von gesteigerter Muskelkontraktion nicht nur entzündungshemmend, was besonders hinsichtlich chronischer Erkrankungen wie Rheuma von Bedeutung ist, es hilft den Muskelzellen auch bei der Energieaufnahme und wirkt so appetitzügelnd.

Aber IL-6 ist nur einer von mittlerweile 600 bekannten solchen Stoffen, die an sehr unterschiedlichen Stellen im Körper wirken, weshalb Myokine immer wieder als Muskelapotheke des Körpers bezeichnet werden. So haben Myokine nicht nur einen positiven Effekt auf das Immunsystem sowie das Fettgewebe, sie helfen auch, wie das eingangs genannte Experiment zeigt, bei der Steigerung der Gedächtnisleistung bzw. deren Stabilisierung. Das ist besonders bezüglich der Behandlung von Demenzerkrankungen wie Alzheimer, bei denen Nervenzellen abgebaut werden, interessant. Zur Zeit wird daher viel zu Myokinen geforscht, die die sogenannte Blut-Hirn-Schranke, die das Eindringen von Bakterien oder Viren durch die Wand der Hirngefäße ins Hirn verhindert, durchdringen können und das Nervenwachstum beeinflussen. Dies sind: Cathepsin B, Laktat und Irisin. Im Falle von Laktat wird auch über die Möglichkeit einer Verabreichung per Tablette oder Infusion diskutiert, was Menschen, die keinen Sport treiben können, helfen könnte. Möglich wären auch Gentherapien, beispielsweise gegen Parkinson. Tierexperimente haben gezeigt, dass Irisin die Bildung des für die Neuronenschädigung verantwortlichen Proteins Alpha-Synuclein verhindert.

Das Myokin hat aber noch eine andere Auswirkung, was es auch für die Behandlung von Depressionen interessant macht, wie ein Forscherteam um Yaqi Liu 2024 in der Fachzeitschrift Frontiers in Pharamacology ausführte. Es unterdrückt Entzündungen im Gehirn, normalisiert dessen bei Depressionen oft gestörten Energiestoffwechsel und steuert durch das von ihm mit ausgelöste Nervenwachstum gegen eine verminderte neuronale Vernetzung. Ärztinnen und Ärzte raten nicht nur deshalb schon seit langem zu regelmäßigem Sport, sei es Schwimmen, Fahrradfahren, Joggen oder auch Krafttraining im Fitnessstudio. Ganz unter dem Motto: Myokine frei!

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