Erinnern als Arbeitsteilung
Von Felix Bartels
Das Einfache ist nicht das einfachste. Das Voraussetzungslose kann nicht vorausgesetzt werden, wo Voraussetzungen immer schon enthalten sind. Wer sich mit den ursprünglichen Gegenständen befasst, muss rekonstruieren. »Aber gerade hier ist die Wahrscheinlichkeit am größten, dass wir ohne nachzudenken mit Vorstellungen arbeiten, die sich erst allmählich (...) in uns herausgebildet haben«, notiert Milman Parry über Oral poetry. Voraussetzungsreich ist auch unser Begriff des Erinnerns. Im Erinnern entsteht eine Vorstellung von Geschehenem, die Erinnerung ist aber stets schon von subjektiven Eindrücken kontaminiert. Zumal wir Erinnerung als Einheit verstehen, die sie womöglich gar nicht ist.
Eine Gruppe von Forschern der kognitiven Neurowissenschaft um Florian Mormann von der Universität Bonn hat den Prozess des Erinnerns danach aufgeschlüsselt. Demnach speichert unser Hirn vergangene Erlebnisse und ihren Kontext nicht gemeinsam ab, sondern in zwei getrennten Gruppen von Hirnzellen. Beim Erinnern rufen wir zwei Dinge zugleich auf: um was (oder wen) es geht und was geschehen ist, doch beides separat. Erinnern wird so verständlich als Akt neuronaler Arbeitsteilung.
Erst dadurch wird möglich, dass sich jemand an verschiedene Begebenheiten mit demselben Menschen erinnern kann. Die Erinnerung wird zur Zuordnung, gleich einer mathematischen x/y-Funktion. Vice versa können Menschen so Analogien herstellen, ähnliche Strukturen in Begebenheiten mit verschiedenen Subjekten als ähnlich erkennen. »Wir wissen bereits, dass tief in den Gedächtniszentren des Gehirns spezifische Zellen, sogenannte Konzeptneuronen, auf (dieselbe) Person reagieren, unabhängig davon, in welcher Umgebung sie auftaucht«, erklärt Seniorautor Mormann in Nature. Der menschliche Hirnmechanismus ist allerdings nicht biologisch universell. Mäuse speichern Erinnerungen in den Neuronen des Hippocampus mitsamt Kontext ab. Die Autoren stellten sich folglich die Frage, ob die Beschaffenheit des menschlichen Gehirns ein flexibleres Gedächtnis ermöglicht.
Um das zu klären, haben die Forscher die Aktivität einzelner Neuronen im Gehirn von 16 Epilepsiepatienten analysiert. Den Probanden wurden Elektroden im Hippocampus und in umliegenden Hirnregionen implantiert, um die Hirnaktivität beim episodischen Gedächtnis genauer zu messen. Man zeigte ihnen Paare von Bildern, die sie auf unterschiedliche Fragen hin vergleichen sollten, etwa zweimal denselben Gegenstand mit der Frage, ob er sich in der Größe unterscheide. So ließ sich feststellen, »wie das Gehirn exakt dasselbe Bild in unterschiedlichen Aufgabenkontexten verarbeitet«. Während der Betrachtung wurde Aktivität von zwei separaten Neuronengruppen festgestellt, deren eine die Forscher »Inhaltsneuronen« tauften, deren andere »Kontextneuronen«. »Diese Arbeitsteilung erklärt wahrscheinlich die Flexibilität des menschlichen Gedächtnisses. Denn das Gehirn kann dasselbe Konzept in unzählig vielen neuen Situationen wiederverwenden, ohne für jede einzelne Kombination ein spezialisiertes Neuron zu benötigen, indem es Inhalt und Kontext in getrennten ›neuronalen Bibliotheken‹ aufbewahrt«, sagt Mitautor Marcel Bausch.
Interessant allerdings scheint das Experiment nicht nur für die Neurowissenschaft und unser Verständnis des menschlichen Gehirns. Berücksichtigt man die festgestellten Funktionen für Inhalt und Kontext, lässt sich ein Muster wiedererkennen, das aus der formalen Logik und der Linguistik bekannt ist, das Thema-Rhema-Schema der funktionalen Grammatik. Diesem Modell einer elementaren, allen Sprachen zugrundeliegenden Universalsyntax nach bilden Menschen beim Sprechen stets eine Beziehung zwischen einem Gegebenen (Thema) und einer Neuigkeit (Rhema), etwas, über das (etwas) gesagt wird, und etwas, das gesagt wird. In »Felix schreibt« zum Beispiel ist Felix die bekannte (inhaltliche) und dass er schreibt die neue (kontextu-elle) Information. Die Subjekt-Prädikat-Struktur der indogermanischen Sprachen ist eine formale Version dieses Grundschemas, von dem mit Rücksicht auf das neurowissenschaftliche Experiment gesagt werden kann, dass es als lokale Struktur in der menschlichen Physiologie angelegt scheint.
Das Thema-Rhema-Verhältnis liegt auch der logischen Formsprache zugrunde. In der »Analytica priora« formuliert Aristoteles die Elementarform des Syllogismus: A ist B. In der modernen Notation bleibt die Beziehung von Subjekt und Prädikat ebenfalls ausgedrückt, das Prädikat wird hier aber – als Schlüssel zur Syntax – gegenüber dem Subjekt zur Hauptsache: F(x). Da ist ein x, über das F gesagt werden kann. Logik widerspiegelt Sprache, denn beides ist auf die Welt beziehungsweise ihre erkennbaren Strukturen bezogen. Die Emanzipation des Verbs vom Nomen (des Prädikats vom Subjekt, des Rhema vom Thema) ist ebenso Konsequenz logischer Rekonstruktion unseres Denkens, wie es der Bonner Studie zufolge im Hirn von Beginn an ausgelegt scheint. Was Noam Chomsky, der die menschliche Eignung zur Syntaxbildung für angeboren hält, interessieren dürfte.
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vom 13.01.2026