Die unbekannten Wesen
Von Andreas Müller
Drei Tage vor Silvester gaben der Deutsche Behindertensportverband (DBS) und das Nationale Paralympische Komitee bekannt, dass der frühere DBS-Vizepräsident Karl Quade im Alter von 71 Jahren verstorben ist. »Dem Parasport fehlt damit nicht nur ein außergewöhnlicher Funktionär, sondern ein Gestalter mit Herzblut, ein engagierter Zeitzeuge und ein Mensch, der den paralympischen Gedanken wie kaum ein anderer verkörperte«, hieß es in einem gemeinsamen Nachruf. Karl Quade hatte an drei Paralympics als Aktiver teilgenommen, wobei er 1988 mit dem Standvolleyballteam die Goldmedaille gewann. Anschließend führte er das deutsche Paralympics-Team seit 1996 fünfzehnmal als Chef de Mission an. »Als Gesicht und mit Herz hat er die paralympische Bewegung in Deutschland maßgeblich mitgestaltet«, würdigte DBS-Ehrenpräsident Friedhelm Julius Beucher die Verdienste des promovierten Sportwissenschaftlers.
Weder offizielle Information indes, noch Pressemitteilung oder Nachruf von seiten des Verbandes gab es allerdings für einen seiner erfolgreichsten Aktiven überhaupt. Insgesamt neun Gold- und elf Silbermedaillen hatte Manfred Emmel aus Frankfurt am Main bei paralympischen Spielen zwischen 1968 und 1988 gewonnen. Nur zwei Plaketten weniger als Sportschütze Siegmar Henker, der bislang höchstdekorierte bundesdeutsche Behindertensportler, der 2009 verstarb. Anders als erfolgreiche Paraathleten der Gegenwart, die mit Medaillenprämien bedacht werden, in die Spitzensportförderung eingebunden sind und mediale Aufmerksamkeit erhalten, scheinen deren Vorgänger so etwas wie »unbekannte Wesen«. Nicht einmal die Auflistungen ihrer sportlichen Erfolge sind exakt, wie ein Blick in die offiziellen Statistiken des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) illustriert, auf die sich wiederum der DBS stützt. Dort werden drei der paralympischen Medaillen von Henker unterschlagen, die er zwischen 1976 und 1996 gewann. Bei Manfred Emmel sind es sogar fünf.
Ein Kopfsprung in einen Badesee wurde dem damals 17jährigen Emmel zum Verhängnis: Irreversible Querschnittslähmung. Doch der junge Mann arrangierte sich mit dem Rollstuhl. »Manni«, geboren am 8. Oktober 1945, sammelte als Paratischtennisspieler am damals noch ausschließlich »grünen Tisch« so viele Medaillen wie kein anderer. Gespielt hatte er bereits als Neunjähriger. 1988 bei den Paralympics im südkoreanischen Seoul verabschiedete er sich mit Gold im Einzel wie im Doppel von der großen internationalen Bühne, auf der er bei den Paralympics 1968 in Tel Aviv mit dem Sieg im Einzel und Platz zwei im Doppel einen furiosen Einstand gehabt hatte.
Insgesamt ein Dutzend Mal stand er bei den Paralympics ganz oben auf dem Siegertreppchen. Als Tischtennisspieler, aber auch dreimal als Schwimmer. 1976 brachte er aus Toronto ganz nebenbei eine Silberplakette im Diskuswurf mit nach Hause. Zusätzlich zu seinen 20 Paralympics-Medaillen gewann Emmel im Tischtennis 23 nationale Meisterschaften im Einzel und im Doppel, 1987 zwei WM-Siege in Australien sowie sieben EM-Titel.
Doch der ausgebildete Elektriker bzw. Elektroniker war nicht nur als Aktiver einer der ganz Großen. In seinem Seckbacher Stammverein trainierte er schon früh den Nachwuchs. Später folgte eine bemerkenswerte Ära als Sportfunktionär. So begleitete er im Deutschen Behindertensportverband die Position des Bundesfachwartes für Tischtennis und gehörte der Spitze des Deutschen Rollstuhlsportverbandes (DRS) an. Er war auch dabei, als 1967 die Hessische Versehrtensportvereinigung für Querschnittsgelähmte gegründet wurde. 1978 in den Rollstuhl-Sport-Club Frankfurt (RSC) umbenannt, engagierte sich Emmel dort insbesondere beim Aufbau der Tischtennissparte und übernahm später den RSC-Vorsitz.
Gern erinnern sich langjährige Mitglieder aus »Mannis« Sparte im Frankfurter Osten an gemeinsame Trainingsabende mit den Paraspielern des RSC. Unvergessen sind auch die von ihm organisierten Freundschaftsspiele in der Sporthalle des Berufsförderungswerks in Bad Vilbel – gelebte Inklusion. Dem DBS war Manfred Emmels Tod keine Zeile wert, als er im Oktober kurz vor seinem 80. Geburtstag verstarb. Vielleicht werden zumindest die Statistiken einmal korrigiert.
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