Viel zu früh
Von René Hamann
Ernst Happel ist tot. Gut, das ist er schon lange, nämlich seit 1992. Am 29. November wäre er 100 Jahre alt geworden. Wer ihn erlebt hat, wenn auch nur im Fernseher, weiß, dass der Jahrhunderttrainer (hier passt das Wort) vom HSV niemals die 100 lebend erreicht hätte, nicht ohne Lungen- und Lebertransplantation. Vor zwei Jahren habe ich ihn am Grab besucht, er liegt nicht unweit des Stadions des Wiener Sportclubs, der sogar eine »Friedhofstribüne« sein eigen nennt. Aber er, der große Ernst Happel, als Spieler Halbfinalist bei der Wunder-in-Bern-WM 1954, war Rapidler.
Warum Happel in Wien als »Wödmaster«, also Weltmeister, läuft, ist nicht bierglasklar. Am Ende eine Übertreibung, wie sie in Wien nicht selten vorkommt, oder so etwas wie die Wahrheit aus dem Paralleluniversum, in dem Rob Rensenbrink in der letzten Spielminute des Finals 1978 den Ball eben nicht an die Stange (Pfosten), sondern zum 2:1 für Holland gegen Argentinien ins Tor geschossen hat. Trainer von Holland: Ernst Happel. Ich damals für Argentinien mit nicht mal sieben. Es war das erste Spiel, das ich live im Fernsehen gucken durfte. Der einzige ohne niederländische Ahnen in der Familie, mein Vater, war seltsamerweise der einzige, der mit Holland half (zu Holland hielt).
Nächstes Jahr ist endlich wieder eine WM mit den anderen Schwarzweißen, also mit Österreich (noch ein Rätsel: Warum spielen die oft in Schwarzweiß? Weil sie doch auch Deutsche sind? Blasphemie!). Kam 1994 zum letzten Mal vor, und niemand außerhalb des Schnitzelreichs erinnert sich. Man erinnert sich an 1978 und 1982, zwei schwarzdunkle Ereignisse in der westdeutschen Fußballhistorie. Nach »Córdoba« und noch vor »Gijón«, also der Rache für Königgrätz und dem Prager Frieden, besiegte Österreich Algerien mit 2:0. Auf die trifft man im Sommer wieder. Außerdem auf Jordanien und, na, da schau her, Argentinien.
Auf Deutschland trifft Österreich frühestens im Achtelfinale, wahrscheinlich aber gar nicht. In meiner Wiener Public-Viewing-Blase kann ich nur das Spiel gegen die Argentinier sehen, die anderen beiden Matches starten um vier und um sechs Uhr. Morgens! Österreich ist halt keine Fernsehnation. Und wie weit kommen die Austrianer? Folgt man dem österreichweit weltberühmten Karikaturisten Pammesberger, hat Österreich Chancen, Weltmeister zu werden, wenn das Finale »bei Schnee und starker Hangneigung« stattfindet. Gar nicht so unwahrscheinlich. Im Gastgeberland der Klimawandelleugner ist schließlich alles möglich.
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