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Aus: Ausgabe vom 05.11.2022, Seite 3 / Schwerpunkt

Hintergrund: Retter im Stress

Als Bundesfinanzminister Christian Lindner im Sommer von einer »Gratismentalität« sprach, war die Aufregung groß. Der FDP-Chef hatte damit die Forderung nach einem vergleichbar günstigen Nachfolgemodell für das Neun-Euro-Ticket abzuqualifizieren versucht. Mit einer ähnlichen Wortwahl äußerte sich der Vorsitzende des Deutschen Berufsverbands Rettungsdienst, Marco König, Ende Oktober. »Die vorherrschende Vollkaskomentalität können wir uns nicht mehr erlauben«, sagte er der Welt. König kritisierte, dass Rettungswagen in nicht notwendigen Fällen ausgeschickt bzw. in Anspruch genommen werden. Notarzteinsätze seien lediglich bei zehn bis 15 Prozent der Fälle gerechtfertigt. Dieser Umstand, verbunden mit vermehrtem Personalausfall durch Coronainfektionen, könne zu einer Überlastung der Rettungsdienste führen, warnte der Verbandschef. Ein Problem bestehe darin, dass ein »Computerprogramm bestimmt, wann ein Rettungswagen ausgeschickt wird« – selbst wenn ein Mitarbeiter die Lage anders einschätze.

Die Arbeitssituation bei den Rettungsdiensten machte jüngst auch die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zum Thema. »Die ohnehin hohe Belastung von Beschäftigten im Rettungsdienst hat sich seit Beginn der Coronakrise nochmals deutlich verschärft«, erklärte Verdi-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler Anfang Oktober. Sie bezog sich auf Ergebnisse einer von der Gewerkschaft durchgeführten Befragung von rund 7.000 Beschäftigten. Demnach können 61 Prozent der Befragten ihre gesetzlich vorgeschriebenen Pausen (sehr) häufig nicht oder nicht vollständig nehmen. 84 Prozent gingen davon aus, unter den derzeitigen Bedingungen nicht bis zum Rentenalter durchhalten zu können. Und 39 Prozent der Beschäftigten gaben an, sie würden den Beruf sofort wechseln, falls sie die Gelegenheit dazu bekämen. Bühler forderte eine Verkürzung der überlangen Arbeitszeiten.

Es ist ein anderes Thema, über das bürgerliche Medien im Zusammenhang mit Rettungsdiensten zuletzt häufig berichteten: die Übergriffe auf Mitarbeiter. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) hatte im Februar 2021 eine Untersuchung zum Thema veröffentlicht. DRK-Präsidentin Gerda Hasselfeldt bilanzierte damals, »dass Beleidigungen, Beschimpfungen und auch körperliche Übergriffe mittlerweile zum Alltag im Rettungsdienst gehören«. Laut der nicht repräsentativen Studie kommt verbale Gewalt am häufigsten vor. Fast jeder fünfte Befragte erlebe mindestens ein- bis zweimal pro Woche Beleidigungen und Beschimpfungen. Aber auch körperliche Gewalt wie Schlagen, Treten oder Schubsen sei mittlerweile keine Seltenheit mehr. In drei Viertel der Fälle seien die Patienten selbst die Täter. (jg)

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