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Aus: Ausgabe vom 15.09.2022, Seite 6 / Ausland
Attentate auf Sozialaktivisten

Gewalt geht weiter

Kolumbiens neue linke Regierung vor großen Herausforderungen: Attentate auf Aktivisten halten unvermindert an
Von Julieta Daza, Caracas
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Gefährlicher Aktivismus: Gedenken an die Zehntausenden während des Krieges »Verschwundenen« (Bogotá, 30.8.2022)

Einen Monat nach dem Amtsantritt des progressiven Präsidenten Gustavo Petro in Kolumbien zeigt sich immer deutlicher, dass der Weg zu einem von politischer Gewalt freien Land kein leichter sein wird. Vor allem sind immer wieder Menschenrechtsaktivisten von ihr betroffen. Allein in der vergangenen Woche seien vier getötet worden, erklärte Human Rights Watch am Dienstag.

Demnach wurde der Bauernführer Sneider Ruiz Pinto am Sonntag im östlichen Departement Arauca nachts mit einem Messer niedergestochen. Am Tag zuvor war der Gewerkschafter Sibares Lamprea Vargas in Barrancabermeja im nordöstlichen Departamento Santander erschossen worden. Die Sozialaktivistin Eva Amaya Vidal war am Freitag ebenfalls im Norden mit Messerstichen in ihrem Haus gefunden worden. Am Dienstag vergangener Woche hatten zwei Männer die Pädagogin und Kinderrechtlerin Sandra Patricia Montenegro im südwestlichen Palmira getötet.

Wie unter anderem die kolumbianische Zeitung El Espectador online berichtete, verließ der 42jährige Gewerkschaftsführer Lamprea gerade die Beerdigung seines Vaters, als Männer auf Motorrädern mehrfach auf ihn schossen. Lamprea wurde in ein Krankenhaus gebracht, starb dort jedoch kurze Zeit nach dem Angriff. Der 42jährige war führendes Mitglied der USO, der wichtigsten Gewerkschaft der Arbeiter in der Ölindustrie des südamerikanischen Landes. Er war Sekretär für Verwaltungsangelegenheiten der Arbeiterorganisation sowie Sprecher der Sicherheitsbeschäftigten in der Raffinerie des staatseigenen Unternehmens Ecopetrol in Barrancabermeja. Die Menschenrechtskommission der Gewerkschaft verurteilte das Verbrechen in einem am Sonntag veröffentlichten Kommuniqué. Darin war zu lesen, Lamprea sei nun ein weiteres Opfer im Rahmen einer jahrzehntelangen Verfolgung der Arbeiterorganisation, durch die bereits über 100 Führungsmitglieder das Leben verloren hätten.

Soziale Bewegungen und Menschenrechtsaktivisten rief die Gewerkschaft zur Solidarität und zu Protestaktionen auf. Den Behörden gegenüber forderte sie die Aufnahme von Ermittlungen, um die Verantwortlichen ausfindig zu machen, sowie »die Aufstellung eines Aktionsplans, um die Verfolgung von Anführern sozialer Organisationen im ganzen Land mit aller Kraft zu beenden«. Der Gewerkschaft zufolge lasse sich die Zunahme der mit politischer Gewalt verbundenen Verbrechen als »Machtdemonstration und Sabotageaktion reaktionärer, ultrarechter Gruppen« deuten. Diese hätten jahrzehntelang den Staat kontrolliert und paramilitärische Strukturen geschaffen, um soziale und volksnahe Veränderungen in Kolumbien anzugreifen, so das Statement der Menschenrechtskommission der USO.

Auch in Cali, einem Zentrum der Widerstands- und Protestaktionen der vergangenen Jahre im westlichen Departamento Valle del Cauca, starben zwischen dem 4. und 6. September fünf junge Menschen bei Attentaten. Edinson Rivas, Juan David Díaz, Eddy Albornoz, Johan Espitia und Nicole Díaz hatten sich am »Paro nacional« (Generalstreik) beteiligt, Espitia und Nicole Díaz waren Mitglieder der sogenannten Ersten Linie. Dies war eine Bewegung, die sich spontan während der Proteste aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen, aber vor allem aus jungen Menschen gebildet hatte und die eine wichtige Rolle bei der Mobilisierung zu den Protestaktionen spielte. Rivas, Juan David Díaz und Albornoz waren gegenwärtig bei an Jugendliche und Afrokolumbianer gerichteten Sozialprogrammen tätig, die aus den Forderungen während der Proteste hervorgegangen waren und die von der Stadtregierung gefördert wurden.

Obwohl Täter und Tatmotive bis jetzt noch unaufgeklärt sind, ist das gemeinsame politische Profil der Opfer doch klar erkennbar. Seitens der sozialen Bewegungen und politischen Basisorganisationen sind die Erwartungen an die aktuelle Regierung sehr groß, dass sie der politischen Verfolgung und Gewalt endlich ein Ende setzt. Doch gewaltig sind auch die Hindernisse und Herausforderungen. Das zeigt der am vergangenen Freitag (Ortszeit) veröffentlichte Bericht des Ombudsmanns zum Ausmaß der politischen Gewalt in Kolumbien deutlich. Diesem zufolge sind zwischen dem 1. Januar und dem 31. August dieses Jahres 136 Sozialaktivisten getötet worden, 27 mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Unter den Opfern handelte es sich größtenteils um Gemeindevertreter sowie Anführer von Indigenen- oder Bauernorganisationen.

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