1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Gegründet 1947 Dienstag, 15. Juni 2021, Nr. 136
Die junge Welt wird von 2546 GenossInnen herausgegeben
1.000 Abos für die Pressefreiheit! 1.000 Abos für die Pressefreiheit!
1.000 Abos für die Pressefreiheit!
Aus: Ausgabe vom 18.05.2021, Seite 11 / Feuilleton
Geschichte

Der Mythos des Túpac Amaru

Wie ein Aufstand vor 240 Jahren Perus Nationalbewusstsein prägte
Von Ralf Höller
imago0075786577h.jpg
Der erste: Eine zeitgenössische Zeichnung des Inka-Königs Túpac Amaru (l.) aus dem 16. Jahrhundert

Peru feiert dieses Jahr das 200. Jubiläum seiner Unabhängigkeit. Teil des Gedenkens ist die virtuelle Túpac-Amaru-Ausstellung in Lima (https://kurze­links.de/Peru). Sie würdigt den großen Indioaufstand von 1780/81, mittlerweile ein fester Bestandteil der nationalen Erinnerungskultur. Erstmals in der offiziellen Geschichtsdarstellung kommt darin der Prota­gonistin Micaela Bastidas die Anerkennung zu, die bislang nur ihrem Ehemann José Gabriel Condorcanqui, dem Anführer der Bewegung, zuteil wurde.

Túpac Amaru ist ein Mythos, nicht nur in Peru. Túpac Amaru Shakur nannte sich ein vor 25 Jahren in Las Vegas erschossener US-Rapper. Ein Vierteljahrhundert vor jenem Attentat machte in Uruguay eine Untergrundbewegung namens Tupamaros Furore. Die peruanischen Rebellen, die 1996/97 in der japanischen Botschaft in Lima Hunderte Geiseln nahmen, operierten unter dem Namen Túpac Amaru. Unmittelbar nach dem gewaltsamen Ende der Aktion wurden alle 14 erschossen. Die Tochter des damaligen Präsidenten Alberto Fujimori tritt im Juni in der Stichwahl zur nächsten Präsidentschaft gegen den linken Kandidaten Pedro Castillo an, der sich gerne als der dritte Túpac Amaru inszeniert.

Der Aufstand, der Perus nationales Bewusstsein so geprägt hat, richtete sich gegen die spanischen Eroberer. Sein Anführer griff selber auf ein historisches Vorbild zurück. Der am 19. März 1738 in der Nähe von Tinta in der Provinz Cusco geborene Condorcanqui behauptete, in direkter Linie vom letzten Inka abzustammen. Dieser hieß tatsächlich Túpac Amaru und war 1572 nach der bis dahin mächtigsten Erhebung gegen die Konquistadoren hingerichtet worden. Condorcanqui vertraute dabei auf den indianischen Glauben an die Wiederkehr ihres gottähnlichen Herrschers.

Die vom zweiten Túpac Amaru angeführte Rebellion galt vor allem der verschärften Steuereinnahmepolitik der Spanier. Der Aufstand traf die Besatzer in der schwersten wirtschaftlichen Krise seit ihrer Ankunft. Die Einheimischen scherten sich nicht um die Absatzkrise des in den Bergwerken gewonnenen Silbers, da sie ohnehin nicht an den Gewinnen beteiligt waren. Gleichwohl mussten sie die Folgen tragen: Die neu geschaffenen Steuern »Reparto« und »Alcabala«, eingetrieben von königlichen Finanzinspektoren, den »Visitadores«. Mit diesen Mitteln versuchten die Spanier, ihre zunehmenden Verluste auf den europäischen Märkten und ihre wachsenden Schulden bei den Bankiers von Amsterdam, Augsburg und Genua auszugleichen.

Ihren Ausgang fand die Erhebung im Bergstädtchen Tinta, auf halbem Weg zwischen der alten Hauptstadt Cusco und dem Titicacasee. Es war zunächst nur eine von 37 Rebellionen gegen die Steuerverschärfungen. Doch wurde sie angeführt von einem Mann, der sich nicht nur beharrlich weigerte, die sich stetig verschlechternden Lebensbedingungen länger hinzunehmen, sondern auch eine klare Vorstellung davon hatte, wie er dabei vorgehen würde. Als Kazike, also als Dorfvorsteher, hatte Condorcanqui darüber zu wachen, dass die Untergebenen die »Mita« antraten, eine Tributleistung, die sie zu monatelanger lohnfreier Arbeit in den Bergwerken von Potosí verpflichtete; als Inhaber eines Maultiertransportunternehmens erlitt er Einbußen durch die Erhebung der »Alcabala« und die Errichtung der Zollhäuser. Die Bekämpfung beider Maßnahmen sah er als möglichen Hebel einer erfolgreichen Insurrektion.

Am 9. November 1780 ritt José Ga-briel Condorcanqui auf den Marktplatz seines Heimatstädtchens und forderte den lokalen Steuereintreiber auf, »Reparto« und »Alcabala« abzuschaffen. Als Juan de Arriaga dieser Forderung nicht nachkam, zerrte eine johlende Menge den Spanier aus seinem Haus. Fünf Tage später wurde Arriaga der Prozess gemacht, und er wurde öffentlich gehängt.

Condorcanqui konnte und wollte nicht mehr zurückrudern. Um eine möglichst große Anzahl der etwa eine Million in Peru ansässigen Indianer hinter sich zu versammeln, strickte er an der Legende, in direkter Linie aus dem Herrscherhaus der Inka abzustammen und nannte sich Túpac Amaru. Doch hatte Condorcanqui die Pflege seiner indianischen Wurzeln vernachlässigt. Er führte das Leben eines Angehörigen der spanisch-kreolischen Oberschicht, aus der die andere Linie seiner Vorfahren stammte. Condorcanqui war gebildet, sprach Spanisch und Latein, war aber nicht der Landessprache Quechua mächtig, was sich als Nachteil erweisen sollte.

Getragen wurde die Revolte von der peruanischen Mittelschicht: Handwerker, kleine Kaufleute und freie Bauern. Unterstützung fand sie bei den zahlreichen schwarzen Sklaven im Land. Nicht nur, dass Condorcanqui für deren Befreiung eintrat. Ein noch stärkeres Bindeglied war seine Heirat mit Micaela Bastidas, die aus der Ehe eines Afrikaners mit einer Indigenen stammte. Bastidas sorgte schließlich auch für Condorcanquis Akzeptanz bei den Ureinwohnern. Überhaupt sah sie vieles klarer als ihr Mann. Nachdem die Rebellen sich im Süden und Südosten Perus etabliert hatten und unschlüssig waren, ob sie das sich bei Cusco sammelnde, noch nicht voll gefechtsbereite spanische Heer attackieren sollten, versuchte Bastidas, die Initiative an sich zu reißen.

Die Eroberung einer Stadt wie Cusco wäre strategisch von großem Vorteil gewesen. Als sichere Nachschubbasis und schwer einnehmbarer Rückzugsort hätte von hier aus die Eroberung des kompletten Südens sowie Oberperus – das heutige Bolivien – organisiert werden und später die Verbindung mit den übrigen Aufständischen im Norden hergestellt werden können. Ein Brief Bastidas’ an Condorcanqui: »Ich habe Euch immer wieder gewarnt, nicht in diesen Dörfern zu trödeln, wo es nichts zu tun gibt«, trieb sie zu raschem Handeln an, »die Kräfte in ­Cusco werden sich mit den Soldaten aus Lima vereinigen.«

Condorcanqui ließ die ­Chance verstreichen. Deprimiert schloss Bastidas: »Ich habe dir viele Warnungen gegeben, sofort auf Cusco zu marschieren, aber Du hast sie alle zu leicht genommen, indem du den Spaniern Zeit gegeben hast, sich vorzubereiten.« Sie ahnte Schlimmes. Als sich Condorcanqui endlich aufraffte, hatten die Verteidiger Nachschub an Kanonen, Musketen und Munition aus Lima erhalten. Bald sah sich der zweite Túpac Amaru gezwungen, die Belagerung von Cusco wieder abzubrechen. Die gescheiterten Angreifer zogen sich in ihre bergige Heimat zurück.

Eine Zeitlang konnten sich die Insurgenten noch behaupten. In Scharmützeln gegen die Spanier behielten sie zwar die Oberhand, wurden aber immer weiter zurückgedrängt. In der Nähe von Condorcanquis Heimatort kam es zu einem letzten Gefecht, an dessen Ende er gemeinsam mit Bastidas in Gefangenschaft geriet.

Am 18. Mai 1781 wurde beiden der Prozess gemacht. Den verurteilten Delinquenten riss man die Zunge heraus, sie wurden gevierteilt und die abgetrennten Häupter zwecks öffentlicher Zurschaustellung nach ­Tinta verbracht. Der Aufstand dauerte noch ein Jahr, nach der fehlgeschlagenen Belagerung von La Paz versiegte er.

Peru wurde schließlich 1821 von Spanien unabhängig, ohne dass die Einheimischen ein politisches Mitspracherecht erwarben. Noch immer werden überall in Lateinamerika Indigene benachteiligt und drangsaliert. Nicht ausgeschlossen, dass der Mythos des Túpac Amaru bald erneut ausgegraben wird, um einer Widerstandsbewegung seinen Namen zu geben.

1.000 Abos jetzt

Die Bundesregierung sagt: der Tageszeitung junge Welt sei mit geheimdienstlichen Mitteln der »Nährboden zu entziehen«. Wirtschaftlich und wettbewerbsrechtlich negative Folgen durch die Nennung der Zeitung im Verfassungsschutzbericht seien sogar beabsichtigt.

Unsere Antwort darauf kann nur sein, dass sie mit diesem grundgesetzwidrigen Eingriff in die Presse- und Meinungsfreiheit genau das Gegenteil erreichen! Deshalb fordern wir alle Freunde, Leserinnen und Leser, Unterstützer, Autoren und Genossenschaftsmitglieder auf: Tun wir alles, um den »Nährboden« der jungen Welt zu stärken – jetzt erst recht!

Ähnliche:

  • »Izquierda! Izquierda! Izquierda!«: Gina Pietsch
    18.02.2017

    »Weil wir uns wehren«

    Über die Bedeutung des Liedes »Por todo Chile« von Daniel Viglietti und anderer Stücke für die Agitation der DDR. Ein Gespräch mit Gina Pietsch

Mehr aus: Feuilleton