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Aus: Ausgabe vom 07.04.2021, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Konzernmacht

Amazon stinkt

Fahrer müssen in Flaschen urinieren. US-Behörde erhebt Anklage
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Amazon setzt auf höfliche Mitarbeiter, die genau in die Urinflasche zielen

Arbeitsunrecht bei Amazon boomt. Im vergangenen Jahr haben sich die Beschwerden von Mitarbeitern bei der US-Arbeitsbehörde National Labor Relations Board (NLRB) verdreifacht. Seit Beginn der Coronapandemie habe es mindestens 37 Fälle von gewerkschaftsfeindlichen Aktivitäten gegeben, die eine Verletzung der Rechte von Beschäftigten darstellten, berichtete der US-Nachrichtensender NBC am 30. März.

Das NLRB unterstützt die beiden ehemaligen Mitarbeiterinnen Emily Cunningham und Maren Costa. Die beiden Designerinnen, die in der Firmenzentrale in Seattle tätig waren, wurden im April 2020 entlassen, nachdem sie die umweltschädliche Produktion und die schlechten Arbeitsbedingungen von Lagermitarbeitern während der Coronapandemie kritisiert hatten. Amazon hatte die Kündigungen damit gerechtfertigt, dass die beiden gegen interne Richtlinien verstoßen hätten. Wie die New York Times am Montag berichtete, werde die NLRB Amazon wegen unzulässiger Arbeitsbedingungen anklagen, wenn der Konzern nicht einlenke. Cunningham sagte gegenüber der Zeitung, dass die Ergebnisse der Behörde ein »moralischer Sieg« seien und zeigten, »dass wir auf der richtigen Seite der Geschichte stehen und im Recht sind«.

Doch immer mehr Verstöße gegen das Arbeitsrecht kommen an die Öffentlichkeit. Am Osterwochenende gestand Amazon erstmals ein, dass für Auslieferer des Konzerns unmenschliche Arbeitsbedingungen herrschen. In einer Mitteilung räumte Amazon ein, dass den Fahrern keine Zeit bleibe, eine Toilette aufzusuchen, und sie deshalb ihre Notdurft in Flaschen verrichten müssten. Dass dies zunächst über einen offiziellen Twitter-Account von Amazon abgestritten worden war, sei ein »Eigentor« gewesen, gestand der Konzern sein. Der Konflikt hatte vorletzte Woche mit einer Bemerkung des Abgeordneten im US-Repräsentantenhaus Mark Pocan von der demokratischen Partei begonnen: »Mitarbeitern 15 US-Dollar Stundenlohn zu zahlen, macht einen nicht zu einem ›fortschrittlichen Arbeitsplatz‹, wenn man gegen Gewerkschaften vorgeht und Beschäftigte in Wasserflaschen urinieren«, schrieb Pocan bei Twitter. Amazon hatte zunächst in ungewöhnlich scharfem Ton bei Twitter gekontert: »Sie glauben nicht wirklich die Sache mit dem Pinkeln in Flaschen?« Und weiter: »Wenn das wahr wäre, würde niemand für uns arbeiten.«

Kurz nach dem Disput mit dem Politiker Pocan hatte The Intercept geleakte Dokumente einer Amazon-Logistics-Managerin veröffentlicht, in denen unter anderem klargestellt wird, dass keine Tüten mit »menschlichen Fäkalien« in den Lieferzentren geduldet werden. Amazon äußerte sich dazu auf Nachfrage zunächst nicht und ging auch in der aktuellen Stellungnahme nicht darauf ein.

Nach einer Welle der Empörung ruderte Amazon nun zurück. »Wir entschuldigen uns beim Abgeordneten Pocan«, hieß es. Eine Entschuldigung an die betroffenen Mitarbeiter blieb hingegen aus. »Wir wissen bislang noch nicht wie, aber wir werden nach Lösungen suchen«, erklärte Amazon lapidar. Schließlich handele es sich um ein branchenweites Problem, das sich nicht auf Amazon beschränke und sich durch die Schließung öffentlicher Toiletten in der Coronakrise verschärft habe. (dpa/jW)

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Reinhard Hopp: Aus der Geschichte lernen Dabei wäre die Lösung doch so einfach: weniger Lohn! Dann könnten sie nicht mehr soviel versaufen. Und folglich müssten sie dann auch nicht mehr so oft und soviel pinkeln. Frühkapitalistische Logik, m...

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