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Aus: Ausgabe vom 20.10.2020, Seite 8 / Ansichten

Staunen in Berlin

Wirtschaftswachstum in China
Von Jörg Kronauer
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Die Krise hinter sich gelassen: Arbeiterinnen im chinesischen Meishan produzieren ohne Maske (19.10.2020)

Chinas Wirtschaft brummt wieder: Nachdem sie im ersten Quartal unter dem Druck der Covid-19-Pandemie um 6,8 Prozent eingebrochen war, ist sie – nach 3,2 Prozent im zweiten Quartal – im dritten Quartal bereits um 4,9 Prozent gewachsen, wie das Statistikamt in Beijing am Montag mitteilte. Eine Sprecherin der Behörde warnte, man dürfe keinesfalls Entwarnung geben, denn die erneute Explosion der Pandemie in Europa und den USA bedrohe einen wichtigen Wachstumstreiber, den chinesischen Export. Auch die Volksrepublik müsse höllisch aufpassen, nicht selbst von einer zweiten Welle überrollt zu werden: Dennoch, dass das Land für 2020 insgesamt ein positives Wachstum wird verzeichnen können, scheint nun beinahe sicher zu sein. Was für ein Unterschied zu Deutschland, wo die Auguren kürzlich stolz verkündeten, man werde den Einbruch der Wirtschaft im Gesamtjahr auf »nur« 5,5 Prozent beschränken können! Es zeige sich, räumte Siemens-Chef Josef Käser am Montag auf der online abgehaltenen Asien-Pazifik-Konferenz der deutschen Wirtschaft unumwunden ein, »dass das chinesische System, was die Krisenbekämpfung angeht, westlichen Systemen überlegen war«.

Die deutschen Eliten, nicht gewohnt, dass ehemals ganz oder teilweise kolonialisierte Länder an ihnen vorbeiziehen, werden das kaum auf sich sitzen lassen. Schon allein deswegen nicht, weil die Volksrepublik, die die Pandemiekrise glimpflicher überstanden hat als der alte Westen, ihren Weg an die Spitze der Weltwirtschaft und -politik beschleunigt. Kanzlerin Angela Merkel riet in einer Onlineansprache auf der Asien-Pazifik-Konferenz, künftig doch weniger Geschäfte mit China zu machen, mehr dafür mit den anderen Staaten der Region, mit Südkorea oder Vietnam, Indonesien oder Indien. Das soll Beijing Einfluss rauben und Gegengewichte schaffen. Das Problem ist nur: Das Kapital geht dorthin, wo es die günstigsten Verwertungsbedingungen vorfindet. Es hat durchaus seinen Grund, dass deutsche Firmen beispielsweise viel weniger in Indien investieren als in China. Und gegen die rohen Kräfte des Marktes helfen im globalen Kapitalismus hohle Appelle kaum.

Was bleibt? »Wir müssen zeigen, dass wir genauso effektiv die Coronakrise bekämpfen können«, schlug Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier vor. Nun, mit 370.000 Infektionsfällen zu Beginn der zweiten Pandemiewelle gegenüber 86.000 in China, dessen Bevölkerung zudem siebzehnmal so groß ist wie die deutsche, wird das schwer. Siemens-Chef Käser riet denn auch dazu, den miserablen Umgang mit der Krise durch ein stärkeres »Eintreten für westliche Werte« zu übertünchen. Das ist für die deutschen Eliten wohl ohne weiteres machbar. Man wird in nächster Zeit also vermutlich noch mehr als schon bisher von großen Heldentaten »Europas« und des Westens hören und vor allem von angeblichen Schandtaten Chinas. Propaganda, das können sie im Land der Dichter und Stänker.

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Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas S. aus B. (20. Oktober 2020 um 11:49 Uhr)
    Sehr spannend: Eine Sprecherin einer Behörde aus Beijing warnte, man dürfe keinesfalls Entwarnung geben, denn die erneute Explosion der Pandemie in Europa und in USA bedrohe einen wichtigen Wachstumstreiber, den chinesischen Export. Tatsachen lassen sich nicht abstreiten.

    Eine Sprecherin der Volksdemokratischen Chinesischen Republik hat sich zum Thema der wachsenden Industrie ihres Landes erklärt und stellt klar, dass das Wirtschaftswachstum weltweit auf dem Aufschwung der Volksrepublik China beruht. Eine weitere Frau aus dem Wirtschaftsministerium bestätigte diese Wachstumprognose.

    Tatsache ist, dass die Volksrepublik China die Krise überstanden hat und die eigene Wirtschaftsleistung des gesamten Landes wieder steigert. Während andere Länder vergessen, dass Italien, Frankreich oder Spanien oder die BRD nicht mehr daran erkennen, dass wir uns besser nach Osten ausrichten sollten. In diese Richtung müssen wir denken.

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