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Aus: Ausgabe vom 07.09.2020, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Alles so ganz anders

Der Star und Friedensaktivist als selbstverliebter Trottel: Ein neues Musical über Dean Reed an der Neuköllner Oper in Berlin
Von F.-B. Habel
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»Manches mag einer gewünschten Dramaturgie geschuldet sein« – Vorhang-Mann in Neukölln

Im September 1938 begann in Colorado das Leben von Dean Reed, das 1986 in einem See bei Zeuthen endete. Sein ungewöhnlicher Weg durch alle großen Länder mit U (USA, UdSSR und Unsere DDR) war Gegenstand mehrerer Biographien und Dokumentarfilme. Nachdem ein von Tom Hanks geplanter Spielfilm ad acta gelegt wurde, macht nun die Neuköllner Oper in Berlin den Sänger, Schauspieler und Friedensaktivisten zu einer Kunstfigur. Das Musical »Iron Curtain Man« von Lars Werner (Text), Fabian Gerhardt (Text und Regie) sowie Claas Krause und Christoph Verworner (Musik) zeichnet sketchartig Dean Reeds Lebensweg nach und bringt viele seiner Songs in neuen Arrangements auf die Bühne.

Den Autoren sei es gerade heute wichtig, tönten sie in Interviews im Vorfeld der Uraufführung, an Reed als einen Mann zu erinnern, der leidenschaftlich an einen anderen Weg als den des Kapitalismus geglaubt habe. Von dieser Intention sind im Stück nur winzige Splitter übrig. Mit leiser, mitunter auch deutlicher Ironie schildern sie den »roten Elvis« als selbstgefälligen Frauenhelden, der passabel singen konnte und tief in sich eine Sehnsucht nach einer besseren Welt trug, ohne sich zu positionieren. Der »Iron Curtain Man«, der sich in Lateinamerika und Palästina kämpferisch für die Rechte der Unterdrückten einsetzte, dafür Gefängnisaufenthalte in Kauf nahm und schließlich im sozialistischen Lager einen Ruhepunkt zu finden glaubte; der Amerikaner, dem der Eiserne Vorhang Schutz bot, den er mit seiner Kunst aber auch durchlässiger machen wollte, kommt hier nicht vor. Im Schulaufsatz hieße es: Thema verfehlt.

Wer Dean Reed kannte – Freund und Mitkämpfer Victor Grossman zum Beispiel, der die Premiere am vergangenen Donnerstag besuchte – wird einiges wiederentdecken, bei manch vertrautem Song mitsummen können, sich aber doch wundern, dass alles so ganz anders aussieht, als es war. Der wechselnd von allen Ensemblemitgliedern mit komödiantischer Verve dargestellte Dean Reed ist eine Kunstfigur mit allenfalls losen Verbindungen zur historischen Person. Manches mag einer gewünschten Dramaturgie geschuldet sein. Aber in dieser bunten, musikalisch schwungvollen Revue geht es nur um das Scheitern eines selbstverliebten Trottels, der auf Äußerlichkeiten Wert legte. Von seinen »Buddies« im Politbüro (Honecker, Mielke und Krenz tauchen auch mal auf) konnte Dean Reed nicht erwarten, dass sie den Sozialismus mit dem richtigen Hüftschwung aufbauen. Daran scheiterte er. Und daran scheitert leider auch dieses Musical.

Nächste Vorführungen: 9.–18.9., 20 Uhr

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