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26.03.2020, 19:46:09 / Inland

Beschäftigte in Vivantes-Kliniken müssen Schutzmasken privat abkochen

Müssen Arbeitsschutz zuhause betreiben: Krankenhauspersonal des
Müssen Arbeitsschutz zuhause betreiben: Krankenhauspersonal des Vivantes Humboldt-Klinikums in Berlin-Reinickendorf (26.3.2020)

Berlin. Beschäftigte des Klinikonzerns Vivantes erhalten vom Berliner landeseigenen Unternehmen Schutzmasken, die sie täglich selbst zuhause abkochen und so desinfizieren müssen. Weil die Vorräte an Schutzausrüstung zuneige gehen, habe sich Vivantes für seine neun Krankenhäuser eine »kreative Zwischenlösung« überlegt, wie der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) am Donnerstag online berichtete. In dieser Woche seien bereits 10.000 persönliche, textile Mundschutzmasken an die Angestellten verteilt worden, Zehntausende weitere würden noch geliefert. »Wir sind nicht mehr ausreichend geschützt. Und wenn Kanzlerin Merkel sagt, in den Kliniken wird nach hohen hygienischen Standards gearbeitet, dann ist das falsch«, kritisierte ein betroffener Vivantes-Beschäftigter, der auf keiner »Corona-, Intensiv- oder Krebsstation« arbeite, gegenüber dem Sender.

Bislang sei im Kontakt mit infektiösen Patienten ein Einmalschutz verwendet worden, der nach jedem Kontakt entsorgt wird. Dieser sei nun aber für »Coronastationen«, Rettungsstellen oder auch Operationen reserviert. Auf anderen Stationen gibt es dem Bericht zufolge nur noch streng rationierte Mengen. Vivantes als bundesweit größter kommunaler Krankenhauskonzern sehe darin aber keine Gefahr. Die Beschäftigten erhielten »weiterhin ausreichend« Einwegschutzmasken, habe eine Sprecherin auf Anfrage dem Sender mitgeteilt.

Die Berliner Morgenpost zitierte am Donnerstag abend in einem Onlinebericht aus einem ihr vorliegenden »Brandbrief« von Pflegekräften des Vivantes Klinikums Neukölln: »Wir werden auf Intensivstationen verliehen und fehlen auf unseren eigenen Stationen, wir bekommen einen (!) Stoffmundschutz pro Mitarbeiter, der eine komplette Schicht getragen werden und dann zu Hause gewaschen werden soll (...).« Das an »Liebe Politiker Deutschlands« gerichtete Schreiben ende mit dem Appell: »Ihr habt eine Verantwortung! Handelt endlich entsprechend!« Gegenüber dem Blatt habe ein Beschäftigter angegeben, es sei bereits im Dienst »versäumt worden, einen Corona-Verdacht bei der Übergabe mitzuteilen, weil schlicht zuviel zu tun ist«.

Derweil müssen mittlerweile mehrere dutzend Ärztinnen und Ärzte im Dienste des Berliner Konzerns in Quarantäne verbleiben, wie der RBB ebenfalls am Donnerstag online berichtete. Ob alle personellen wie materiellen Kapazitäten in den kommenden Wochen ausreichten, sei laut dem Unternehmen wegen der »Dynamik der Lage« nicht möglich. (jW)

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