Der Schwarze Kanal
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Aus: Ausgabe vom 14.09.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Armut

Heranwachsende im Abseits

Der Weltkindertag steht bevor – eine Alibiveranstaltung, die von existentiellen Problemen ablenkt. Ernsthafte Lösungsansätze nicht in Sicht
Von Markus Bernhardt
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DDR-Kinder feierten am 1. Juni, nun ist dem Nachwuchs zusätzlich der 20. September gewidmet: Fest in der DDR (1984)

Am 20. September findet in Deutschland traditionell der Weltkindertag statt. Er wurde 1954 durch die Vereinten Nationen ins Leben gerufen, um auf die Rechte von Kindern aufmerksam und sich für diese stark zu machen. Während der Weltkindertag in der Bundesrepublik seitdem an diesem Tag begangen wird, feierte die DDR den Internationalen Kindertag am 1. Juni. Trotz der Annexion der DDR vor fast 30 Jahren überlebte der Internationale Kindertag des sozialistischen deutschen Staats bis heute, so dass Kinder – vor allem im Osten der Republik und in Berlin – nicht selten in den Genuss gleich zweier Ehrentage kommen. Der Kindertag in der DDR war ein besonderer Tag, an dem die Kinder meist ein Sportfest feierten und kleine Geschenke bekamen. Anlässlich des Weltkindertages werden heute zwar in vielen bundesdeutschen Städten Festivitäten für Kinder organisiert, bei denen Hüpfburgen, Mal- und Schminkkurse geboten werden. Politik findet dort jedoch bestenfalls am Rande statt.

Zwar gilt die Bundesrepublik gemeinhin als kinderfreundliches Land, bei einem genaueren Blick auf die Lebens- und Alltagssituation vieler Kinder offenbaren sich jedoch jede Menge Missstände. Das größte Problem vieler Minderjähriger ist das der Kinderarmut und der daraus resultierenden begrenzten Teilnahmemöglichkeiten am gesellschaftlichen Leben. Angaben des nunmehr seit über zehn Jahren existierenden Bündnisses »Kindergrundsicherung« zufolge, in dem sich unter anderem verschiedene Sozial- und Kinderschutzverbände zusammengeschlossen haben, nimmt die Zahl armer oder von Armut bedrohter Kinder in Deutschland seit Jahren zu. Demnach gelten über drei Millionen Kinder und Jugendliche als arm – das ist rund jedes fünfte Kind. Vor allem in Ostdeutschland und im Ruhrgebiet existieren jedoch Städte und Regionen, in denen die Anzahl armer und von Armut bedrohter Kinder durchschnittlich deutlich höher liegt.

Eben dieses Problem wird von der etablierten Politik weitgehend ignoriert oder bestenfalls mit Beschwichtigungsformeln und politischen Allgemeinplätzen bedacht. Erst vor wenigen Tagen feierte sich Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) in der Haushaltsdebatte des Bundestags dafür, dass Deutschland eines der »familienfreundlichsten Länder in Europa« sei, und betonte, dass das von ihr geführte Ministerium 11,8 Milliarden Euro »für Familien, Frauen, Männer, Kinder, für junge und ältere Menschen im Jahr 2020« vorsehe. Eben dies sei jedoch »entschieden zu wenig«, monierte die Haushaltsexpertin der Linksfraktion, Gesine Lötzsch. Die Bundestagsabgeordnete verwies zugleich auf den Umstand, dass die Bundesregierung im kommenden Jahr über 50 Milliarden Euro »für Rüstung und Militär« ausgeben wolle. Dies sei Geld, welches besser in Bildung, Gesundheitsversorgung, Armutsbekämpfung und Kinder investiert werden solle.

Auf dem Papier sind Kinderrechte nicht nur in der Bundesrepublik gesetzlich verankert. So wurde die UN-Kinderrechtskonvention bereits vor fast 30 Jahren am 20. November 1989 durch die UN-Vollversammlung verabschiedet. In der Bundesrepublik trat sie am 5. April 1992 in Kraft. Immerhin beinhaltet die Kinderrechtskonvention das Recht auf Schutz vor Gewaltanwendung, Misshandlung und Verwahrlosung, auf soziale Sicherheit, Bildung, Beteiligung und das mögliche Höchstmaß an Gesundheit. Praktisch umgesetzt sind diese Rechte jedoch oft keineswegs.

»Was wir endlich brauchen ist eine politische Offensive, die das Leben von Kindern konkret verbessert«, forderte die Linke-Politiker Susanne Schaper am Freitag gegenüber jW. Dazu müsse »natürlich Geld in die Hand genommen werden«. Konkret sprach sich die sächsische Landtagsabgeordnete dafür aus, Freizeiteinrichtungen für Kinder und Jugendliche auszubauen und Städte und Gemeinde kinderfreundlicher zu gestalten. Um die Situation für Kinder und Jugendliche zu verbessern, müsste jedoch vor allem auch die der Eltern optimiert werden. Gerade im Osten der Republik litten die Menschen unter Erwerbslosigkeit oder würden in prekären Arbeitsverhältnissen tätig sein. »Das hat natürlich ganz konkrete Auswirkung auf die Kinder«, konstatiert Schaper. Ein Schwimmbad- oder Kinobesuch sprenge da schnell die finanziellen Möglichkeiten, Kinder würden somit oft von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen, so die Abgeordnete weiter. Schaper hat in ihrer politischen Arbeit nicht nur die Situation der Minderjährigen in Deutschland im Blick. So reist die gelernte Krankenschwester seit Jahren regelmäßig ehrenamtlich nach Vietnam und Afrika und beteiligt sich dort an der medizinischen Versorgung von Kindern. Die Überwindung von Kinderarmut sei möglich, konstatiert sie, dafür müsse sich die Politik jedoch »endlich ihrer Verantwortung stellen« und aufhören »viel zu reden, aber nichts zu tun«, so Schaper weiter.

Hintergrund: Ungleiche ­Lebensverhältnisse

Anfang August hat die Forschungsstelle des Paritätischen Gesamtverbands ihre neueste Expertise mit dem Titel »Verschlossene Türen – Eine Untersuchung zu Einkommensungleichheit und Teilhabe von Kindern und Jugendlichen« veröffentlicht. Darin kommen die Fachleute zu dem Schluss, dass in der Bundesrepublik eine »wachsende soziale Kluft zwischen armen und reichen Familien« zu beobachten sei. In seiner Veröffentlichung geht der Paritätische Wohlfahrtsverband schwerpunktmäßig der Frage nach, wieviel Geld Familien mit Kindern zur Verfügung haben und was sie für die physischen und für soziale Grundbedürfnisse ausgeben. Die Ergebnisse zeichnen ein düsteres Bild: »Im Zehn-Jahres-Vergleich ging die ohnehin breite Schere zwischen den Haushaltseinkommen der ärmsten und der reichsten Familien weiter auseinander«, lautet der Befund des Sozialverbandes. So hätten finanziell schlecht gestellte Familien mittlerweile sogar »real weniger Geld als noch zehn Jahre zuvor zur Verfügung«. Tatsächlich sind die Erhebungen erschreckend: Während die durchschnittlichen Ausgaben für ein Kind bei rund 600 Euro liegen, konnten die ärmsten zehn Prozent der Paarhaushalte mit einem Kind nur 364 Euro aufbringen. Die reichsten zehn Prozent der Familien gaben im Schnitt 1.200 Euro im Monat für ihr Kind aus, heißt es in der Studie.

»Arme Kinder werden ärmer und immer weiter abgehängt. Das, was für die Mehrheit Gleichaltriger selbstverständlich ist, bleibt ihnen auf Grund der Einkommenssituation ihrer Eltern versagt. Arme Familien haben faktisch immer weniger im Portemonnaie, und gespart wird notgedrungen an allem, was über das physisch Überlebensnotwendige hinausgeht«, kommentierte Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, die Ergebnisse bei der Vorstellung der Expertise. »Das Gefühl, nicht dazuzugehören, ausgegrenzt zu sein und abseits stehen zu müssen, ist das Lebensgefühl armer Kinder in Deutschland. Frust, Resignation, weniger Bildungserfolg und höhere Krankheitsanfälligkeit sind schließlich sehr häufig die Folgen der Einkommensarmut der Familien«, so Schneider weiter.

Andreas Aust von der Paritätischen Forschungsstelle und zugleich Mitautor der Studie stellte klar, dass ein gleichberechtigtes Aufwachsen für die Kinder in den einkommensarmen Haushalten nicht möglich sei. Als Konsequenz aus den Studienergebnissen sprach sich der Paritätische Wohlfahrtsverband dafür aus, das sogenannte Bildungs- und Teilhabepaket »durch einen Rechtsanspruch auf Teilhabe im Kinder- und Jugendhilfegesetz« zu ersetzen. Darüber hinaus müsse der Familienlastenausgleich »vom Kopf auf die Füße gestellt« werden. Folglich plädiert der Paritätische für die Einführung einer einkommens- und bedarfsorientierten Kindergrundsicherung. (bern)

Debatte

  • Beitrag von Torsten Andreas Scharmann aus Berlin (14. September 2019 um 00:30 Uhr)
    Guten Abend, Herr Markus Bernhardt,

    im Bundesland Thüringen wurde der 20. September zum Feiertag erklärt. Der scheint Ihnen wichtig zu sein. Dieser Weltkindertag wird nun zu einem Anlass, an dem sämtliche Landeskinder ausspannen und feiern können. Allerdings kommt hier keine Freude auf, denn es gab bereits seit 1950 einen Feiertag am 1. Juni: den Internationalen Kindertag. Offensichtlich wird der Feiertag verleugnet. Warum? Denn den Leuten bleibt doch der 1. Juni wichtig?!

    Jahrzehntelang wurde der Kindertag im Westen Deutschlands nicht einmal erwähnt. Am 1. Juni hatten alle Kinder in der DDR ihren eigenen schulfreien Feiertag. Da wurde landesweit gefeiert! Überall gab es Geschenke! Alle Eltern waren dabei, ihre Kinder zu erfreuen! Alle Tausende Jugendklubs und Kulturhäuser, die vielen Museen, Theater und Opernhäuser, sogar die Einkaufsläden – überall gab es kleine Geschenke! In den Kindergärten und Schulen wurde gefeiert: mit den eigenen Präsentationen der kleinen Stars, die singen und tanzten. Wer etwas anderes wollte, konnte gleich um die Ecke das Spannende finden. Feste gab es überall. Deshalb bleibt der 1. Juni unvergessen, er wird erhalten, hoffe ich.

    Auf dem Papier sind Kinderrechte jetzt auch in der Bundesrepublik gesetzlich verankert. So wurde die UN-Kinderrechtskonvention vor fast 30 Jahren am 20. November 1989 durch die UN-Vollversammlung verabschiedet. In der Bundesrepublik trat sie erst am 5. April 1992 in Kraft. Immerhin beinhaltet die Kinderrechtskonvention das Recht auf Schutz vor Gewaltanwendung, Misshandlung und Verwahrlosung, das Recht auf soziale Sicherheit, Bildung, Beteiligung und das mögliche Höchstmaß an Gesundheit. Praktisch umgesetzt sind diese Rechte jedoch nicht. Warum? Etwa 25.000 Kinder jährlich werden in unserem Land Opfer schwerer Misshandlungen. Das ist die Tatsache.
  • Beitrag von josef witte aus Hefei, VR China (14. September 2019 um 12:55 Uhr)
    »Das größte Problem vieler ist das der Armut und der daraus resultierenden begrenzten Teilnahmemöglichkeiten am gesellschaftlichen Leben. Nach offiziellen Angaben nimmt die Zahl Armer oder von Armut Bedrohter in Deutschland seit Jahren zu. Demnach gelten Millionen als arm – rund jeder fünfte Mensch. Vor allem in Ostdeutschland und im Ruhrgebiet existieren jedoch Städte und Regionen, in denen die Anzahl Armer und von Armut Bedrohter durchschnittlich deutlich höher liegt.« Das steht fast so in dem o. g. Artikel, allerdings ein wenig manipuliert, die Begriffe Kinderarmut und ähnliche wurde einfach weggelassen, um eine Binsenweisheit zu veranschaulichen: Arme haben arme Kinder.

    Allerdings tut man sich seitens der herrschenden Politik und ihrer Ideologie schwer, das Problem so zu sehen und vor allem anzugehen. Während Mitleid mit den am Elend unschuldigen Kindern noch zum Wertekodex der bürgerlich-christlichen Weltanschauung passt, tendiert das Gefühl gegenüber dem »selbstverschuldeten Elend« Erwachsener – und als solches wird die Armut in unserem Lande oft verstanden – eher in Richtung Verachtung und Ekel: Flodders, Looser, Hartz-IV-TV-Glotzer usw. bringen diese Verachtung sprachlich zum Ausdruck, sie kulminiert schlimmstenfalls im Abfackeln von Obdachlosen. Der Begriff der Kinderarmut ist auch Ausdruck des bigotten bürgerlichen Denkens, wie es auch z. B. im Paragraphen 218 zum Ausdruck kommt, der das ungeborene Leben zu schützen vorgibt. In Konsequenz wird dieses Denken dazu führen, dass man die Kinder der Armen aus der Obhut der Armen entreißt, am besten gleich nach der Geburt. Oder sehe ich das alles zu schwarz?

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