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Aus: Ausgabe vom 19.07.2019, Seite 15 / Feminismus
Frauenfrage und Klassenfrage

»Tag für Tag doppelt ausgebeutet«

Frauenbewegung in Peru: Arbeiterinnen, NGOs und die Dominanz von Feminismen ohne Klassenstandpunkt. Ein Gespräch mit Hana Villagómez
Von Eleonora Roldán Mendívil
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Frauen auf einer Kundgebung zum Internationalen Frauentag am 8. März 2019 in Lima, Peru

Überall auf der Welt wurde für den Frauenkampftag am 8. März 2019 mobilisiert. Wie sah das in diesem Jahr in Peru aus?

In Peru gab es mehrere Mobilisierungen, aber vielerorts nur eine sehr geringe Beteiligung. Ich wohne in der Metropolregion Lima, wo Feministinnen der unter dem Motto »Ni una menos« (»Keine mehr«; Kampagne gegen Morde an Frauen aus geschlechtsspezifischen Gründen, jW) zur traditionellen Demo im Zentrum Limas mobilisierten – Feministinnen, die nicht alle Perspektiven des Kampfes der arbeitenden Frauen teilen oder erfüllen. Die CP8 ist im Gegenteil ein offener, klassenkämpferischer Raum für feministische Organisationen und Aktivistinnen. Wir gingen auf die Straße, um eine Kundgebung vor dem nationalem Gerichtsgebäude und die Demonstration bis zur Plaza San Martin zu begleiten, die später mit einer Kulturveranstaltung endete. Beteiligt waren auch Feministinnen der Gewerkschaftskommitees und anderer Massenorganisationen.

Was waren die zentralen Themen?

In der CP8, der ich angehöre, wurde das Thema »arbeitende Frauen« hervorgehoben, weil dieses System eine besonders prekäre Situation für Frauen erzeugt. Eine unserer Hauptparolen war »Frauen gegen kapitalistische und patriarchale Ausbeutung«, weil dieses Datum aus dem historischen Kampf von Frauen um ihre Arbeitsbedingungen resultiert, während andere Feministinnen zum Beispiel nur Machogewalt anprangern. Wir hatten auch Slogans wie: »Nein zu den Entlassungen bei SUTEP und SITOBUR!«, um über Sanktionen und Gewalt gegen arbeitende Frauen zu informieren – am Beispiel die Lehrerinnen der Vereinten Gewerkschaft der Bildungsarbeiterinnen Perus, der SUTEP, sowie die Gewerkschaft der öffentlichen Reinigungsarbeiterinnen, SITOBUR. Sowohl in der Presse als auch in der großen Bewegung wurde der Slogan »Frauen frei von Gewalt – für Gleichheit und Parität« hervorgehoben.

In Peru sind die Frauenbewegung und die feministische Bewegung sehr gespalten. Was trennt sie?

Wir finden unter Feministinnen die unterschiedlichsten Ideologien vor. Die stärksten, die durch die Hilfe von Medien, materielle Infrastruktur und professionelle Beratung eine große Anzahl von Frauen erreichen, sind die Feministinnen mancher »Nichtregierungsorganisationen«, Radikalfeministinnen, bürgerliche und liberale Feministinnen. Sie arbeiten mit Slogans, die den Kampf spalten, indem sie sich nur auf das Problem des Machismus konzen­trieren, man muss sich aber vor Augen halten, dass das nicht das Hauptpro­blem ist, das die Frauen unseres Landes durchleben. Dann finden wir auch die Feministinnen mit Klassenstandpunkt, die Antikapitalistinnen, die Marxistinnen, die Sozialistinnen, die Anarchistinnen, die sich an Kämpfen von arbeitenden Frauen beteiligen, den ärmsten Frauen, Bäuerinnen, proletarischen und gewerkschaftlich organisierten Frauen; von denjenigen, die Tag für Tag doppelt ausgebeutet werden – in ihrer Rolle als Arbeiterinnen und als Frauen. Gerade wegen der Dominanz von Feminismen ohne Klassenstandpunkt haben wir die Arbeit in der CP8 aufgenommen.

In vielen Ländern der Welt, auch in Lateinamerika, wurde breit für den Internationalen Frauenstreik mobilisiert. Es ging darum, aus den historischen Kämpfen der Arbeiterinnen- und Arbeiterklasse zu lernen sowie die enorme Wirtschaftskraft werktätiger Frauen hervorzuheben. Wurde dafür auch in Peru mobilisiert?

In Peru war der internationale Frauenstreik eine weitere Gelegenheit für symbolische Handlungen von Nichtregierungsorganisationen – mit wenig oder gar keiner Unterstützung in der Arbeiterinnenbewegung. Mobilisiert wurde in einem klassenübergreifenden, kleinbürgerlichen und wohlhabenden Sektor. Hinzu kam ein Minimum an unabhängigen Frauen. Wir verstehen, dass die Frauenstreikkomitees eine Bewegung sind, die theoretisch versucht, 99 Prozent der Frauen zu vertreten. Jedoch haben sie in Peru mehr Überschneidungen mit feministischen NGOs. Dies ist die erste Beobachtung, die wir als antikapitalistische Frauen gemacht haben. Ein großer Teil dieser NGOs wird aber vom imperialistischen Kapital finanziert, wie USAID aus den USA oder die deutsche GIZ – die »Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit«. Ihr Ziel ist es, die arbeitende Klasse zu kastrieren. Es wäre widersprüchlich, sich daran zu beteiligen.

Die zweite Beobachtung war, dass der »Frauenstreik« mit dem Slogan »Wenn unser Leben wertlos ist, produziere ohne uns« gefördert wurde. Als Materialistinnen erkennen wir aber, dass Streik bedeutet, dass die Arbeiterklasse die Produktion in bestimmten Bereichen, wie Bergbau oder Textil, aus Protest gegen die kapitalistische wirtschaftliche Gewalt einstellt. Erstens brauchen wir ein Verständnis dafür, dass 70 Prozent der Frauen in Peru dem informellen Lohnsektor angehören und dass dieser Streik keine echte Organisation von Arbeiterinnen war. Zweitens hatte er nicht materielle Verbesserungen zum Ziel, sondern es ging um eine soziokulturelle Maßnahme: Der Feind ist hier der Machismus. Natürlich ist ein Kampf gegen diesen legitim und notwendig. Aber wir müssen verstehen, dass dies eine Folge des Kapitalismus ist.

Drittens generiert Hausarbeit, also reproduktive Arbeit, anders als es die Feministinnen der NGOs formulieren, nicht den sogenannten Mehrwert, obwohl sie eines der Räder für die Produktion ist. Diese Art von Arbeit wird sozial auf die »Privatsphäre« der Familie reduziert, was für uns falsch ist – und nur dort wirkt es sich aus, wenn sie für einen Tag niedergelegt wird. Wir können uns, wie Tausende anderer Arbeiterinnen, nicht mit einer Maßnahme wie dem »Frauenstreik« identifizieren. Und es ist höchst verdächtig, dass solche NGOs einen »Streik« mitfinanzieren. Vielleicht, weil ihr Hauptthema keine Gefahr für das Kapital darstellt.

Was passiert jetzt nach dem 8. März in Lima?

Nach dem 8. März ist es, als ob der Kampf der Frauen, die an diesem Tag agitiert haben, auf manchen Gebieten zum Schweigen gebracht worden wäre. Die großen Massen von Frauen auf der Straße haben sich auf die Durchführung von Großveranstaltungen wie dem 8. März oder dem 25. November als Tag gegen Gewalt gegen Frauen beschränkt. Darüber hinaus war keine Organisationsarbeit von Seiten der teilnehmenden Gruppen zu beobachten. Wir wissen, dass es nur für einen Moment war, dass es nur einige Protagonistinnen waren und nicht die eigentliche Masse der Ausgebeuteten. Wir üben aber auch Selbstkritik. Wir müssen mit Ehrlichkeit die Zusammenarbeit auf verschiedenen Sektoren, mit Gewerkschaften, Studierendengruppen und aufrechten Bürgerinnen und Bürgern verbessern. So können wir auch Solidarität mit denen zeigen, die uns brauchen – und die arbeitenden Frauen als Subjekte der Emanzipation hervorheben.

Hana Villagómez (30) ist Grundschullehrerin und Aktivistin von »Las Zonas«, einer autonomen Stadtteilversammlung, sowie Mitglied der »Coordinadora popular 8 de marzo« (CP8 – Deutsch: Volkskoordination 8. März) in Lima, Peru, die gegründet wurde, um klassenkämpferische Frauen verschiedener Organisationen und unabhängige Feministinnen zusammen zu bringen

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