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Aus: Ausgabe vom 23.03.2019, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Großer Mann mit großer Story

Lawrence Ferlinghetti zum 100. Geburtstag
Von Franz Dobler
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»Ich erzähle keine Memoiren, sondern von einem eingebildeten Ich«: Lawrence Ferlinghetti (1998)

Der US-amerikanische Dichter, Maler, Verleger und Buchhändler Lawrence Ferlinghetti feiert diesen Sonntag seinen 100. Geburtstag – und sein neues Buch, den Roman »Little Boy«, der zeitgleich in den Staaten und in Deutschland bei Schöffling & Co. erscheint und natürlich im Mittelpunkt der Feierlichkeiten steht, die am amtlich ausgerufenen »Lawrence Ferlinghetti Day« in San Francisco, wo der Dichter 1950 landete, und speziell im so legendären wie lebendigen City Lights Bookshop, den er 1953 mitbegründete, abgefeuert werden. Mit Lesungen, Vorträgen, einer Fotoausstellung oder einem Dokumentarfilm, in den vielleicht Bilder von der Landung in der Normandie reingeschnitten sind, denn der Poet hat auch sein Leben riskiert, um Nazideutschland zu besiegen, das wird man wohl noch sagen müssen.

Die Party wird flankiert von Hunderten Artikeln aus der halben Welt, die sozusagen von Dwight Garners schon am 11. März in der New York Times gedrucktem Artikel angeführt werden, der allerdings, im Gegensatz zu meinem Grußwörtchen hier, fast so lang wie der Weg zur Hölle ist. Eine Hymne auf den Säulenheiligen der Stadt und Reiseführer durch Beat Francisco. Der inzwischen fast erblindete Dichter und Politaktivist blaffte den Reporter an, er solle ihn mit Stadtführer-Quatsch in Ruhe lassen, um dann beim Literatur-Kultur-Stoff auszupacken.

Also wie war das mit dem letzten Konzert von The Band und dem Scorsese-Film »The Last Waltz?« »Auch andere Dichter waren vor dem Konzert auf der Bühne und lasen Gedichte vor, aber er ist als einer der wenigen im Film dabei, erzählte er mir, weil er ins richtige Mikrofon gesprochen hat.«

Ferlinghetti ist der Last Man Standing. Allein die Vorstellung, wie sich sein Blick zurück anfühlt, macht mich schwindlig. Seine Freunde, Kollegen oder Schützlinge der Beat Generation sind schon lange tot – um die großen Drei zu nennen: Jack Kerouac starb 1969, Allen Ginsberg und William S. Burroughs 1997.

Genauer gesagt: »Obwohl er sich selbst nie als Beat sah, weder vor, während oder nach der San Francisco Renaissance, ist Lawrence Ferlinghetti untrennbar mit den Beats verbunden. Sein Leben überlappte sich mit dem ihren in Stil und Geographie, und er teilte sich mit ihnen das Schema der kaputten Kindheit, die Verbindungen mit Greenwich Village, das Trampen in Mexiko, den freidenkerischen Pazifismus und das tiefgehende, unersättliche Interesse an der modernen Literatur«, schreibt Steven Watson in seinem Standardwerk »Die Beat Generation«.

1955 startete Ferlinghetti den berühmten Verlag City Lights mit der Reihe »City Lights Pocket Poets« mit seinem ersten Gedichtband »Pictures of the Gone World«. Die Sektion Taschenbuch war damals immer noch hauptsächlich für sogenannte Schundliteratur reserviert, Pulp-Stories mit halbnackten Ladys auf dem Cover, und dazu passend ging die Nr. 4 der Pocket-Serie durch die Decke und machte die Beteiligten in der ganzen Nation zum Top-Thema: Ein halbes Jahr nach Veröffentlichung wurde Allen Ginsbergs »Howl and other Poems« im März 1957 beschlagnahmt und Verleger Ferlinghetti und Buchhändler Shigeyo­shi Murao wurden bald darauf wegen »Verbreitung obszöner Schriften« verhaftet. Während die American Civil Liberties Union »einen Präzedenzfall für« die »garantierte Redefreiheit sah und für Ferlinghettis Verteidigung eine Reihe erstklassiger Anwälte zusammentrommelte« (Watson). Im Oktober wurden die Angeklagten freigesprochen – und Ferlinghetti und Ginsberg und diese Bande namens »Beat Generation« waren jetzt mal fast so bekannt wie Elvis.

Damit ist schon angedeutet, dass der Dichter Ferlinghetti vom so wichtigen Verleger und Aktivisten immer auch bedrängt wurde und (wie alle anderen) im Schatten der großen Drei stand. »Als Dichter war er selten ein Kritikerliebling«, konstatiert Garner, aber mit seinen über fünfzig Publikationen erreichte er ein großes Publikum, und »A Coney Island of the Mind« (1958) ist mit mehr als einer Million verkauften Exemplaren einer der erfolgreichsten Gedichtbände aller Zeiten, der in bisher drei Ausgaben auch im Deutschen erschienen ist.

Die für unseren Sprachraum bahnbrechende Anthologie »Beat« von Karl O. Paetel bei Rowohlt – heute bei Maro im Programm – erschien 1962. Ein Blitzschlag, ein bis heute starker Rundumschlag (der die deutschen Beats wie Jörg Fauser, Carl Weissner und Jürgen Ploog munitionierte) mit drei langen Sprach-Sound-Gebäuden von Ferlin­ghetti, die mir viel später vermutlich zuerst in die Finger kamen (falls es nicht die »Mexikanische Nacht« war), mit diesem »Rettungsboot voll Nonnen von der Deutschland / Und eine Blume gefunden in der Pikardie gepreßt in ein Buch in Brooklyn / Und ein wandernder sephardischer Jude aus Porto Rico der bis nach / Newport auf der Fall-River-Linie wanderte mit einem nichtfahr- / planmäßigen Abstecher zu den Niagarafällen / Und ein vergilbter Schnappschuß meiner französischen Großmutter«, der jetzt auch am Anfang von »Little Boy« wieder auftauchen könnte.

Ferlinghetti beginnt seinen zweiten Roman, an dem er zwanzig Jahre gearbeitet hat, mit dem sorgfältig ausgebreiteten Chaos seines Aufwachsens. Wie er von der Mutter weg zu jener Tante kam, nach Frankreich und »in ein Waisenhaus in Chapaqua nördlich von New York, weil sie kein Geld hatte«, zu dieser Familie, in jenes Internat, zum Militär. Fetzen, Motive und Fotos, die immer wieder anders belichtet in dem Strom auftauchen, in dem der Poet nach zwanzig Seiten auf und davon surft, ohne Punkt und Komma zu setzen, nur manchmal einen Absatz.

Ein unwiderstehlicher Flow (hervorragend übersetzt vom Dichter Ron Winkler), der mich an Coltrane-Tracks denken lässt und den man in seiner schlanken Form auch als Statement gegen den dämlichen Trend zu breitest ausgewalzten Romanen verstehen kann, gemixt aus Autobiographie, Philosophie, Literaturgeschichte, Poesie. Natürlich mit Klagen über ein Amerika, das dem »philosophischen Anarchisten«, wie er sich selbst nennt, nicht gefallen kann, und mit dem melancholischen Blick des unglaublich alten Mannes: »UND so sitze ich im Caffe Trieste in San Francisco wo sich nichts je ändert Dekade für Dekade ändern die Gesichter sich aber sind dieselben der Bevölkerung der Welt entnommenen Charaktere und ich bin dort mit meinem fortwährenden Gefährten meinem einsamen Ich und der einzige Plot in diesem Buch von meinem Leben ist mein fortwährendes Altern so unermüdlich auch Seeräuber-Jenny singt ›I tell you I tell you I tell you you must die‹ und es ist wie auf die Antwort warten wann ist das alte Eisen denn nun Schrott« – und du weißt nicht, ob auf der nächsten Seite dieser Beat-Style-Lektion der Krieg kommt oder Burroughs (»der alte Hipsterstricher immer ganz weit vorn beim sich Verdünnisieren sobald die Bullen kamen«) oder der Kapitalismus, der sich auch durch San Francisco frisst.

»Ich erzähle keine Memoiren, sondern von einem eingebildeten Ich«, betont Ferlinghetti in allen Interviews, und (das stimmt schon eher): »Es ist ein experimenteller Roman« und »diese Art Buch, die ich mein ganzes Leben geschrieben habe.« Auch deshalb »ein mutiger Poet« (wie ihn der vorletzte Literatur-Nobelpreisträger genannt hat). Der immer noch seinen strahlenden Humor hat. Auf die Frage des Magazins Document, was er an seinem Geburtstag tun werde, sagte er: »Ich werde mein Grab schaufeln.«

Lawrence Ferlinghetti: Little Boy. Aus dem amerikanischen Englisch von Ron Winkler, Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2019, 216 Seiten, 22 Euro

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