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Aus: Ausgabe vom 22.02.2019, Seite 16 / Sport
Fußball

Eigenliebe rostet nicht

Dropse gelutscht, alleine gefühlt, Eier hergezeigt: Eindrücke aus der Champions League
Von Uschi Diesl
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»Bisschen Gänsehaut«: Leroy Sané vor der Einwechslung auf Schalke

Viel ist geredet worden über die drei deutsch-englischen Duelle im Champions-League-Achtelfinale. Nach den Hinspielen kann man sagen: Der Drops ist gelutscht. Borussia Dortmund ging in der vergangenen Woche 0:3 bei Tottenham Hotspur unter, am Dienstag trotzten die Bayern dem FC Liverpool im Stile eines wackeren Viertligisten ein 0:0 an der Anfield Road ab – ohne auch nur eine Torchance herauszuspielen, aber so berauscht von der eigenen Kraft zur Nullnummer fiel das niemandem auf. Am Mittwoch empfing der FC Schalke dann noch Manchester City. Auch diese Partie fing an, wie man es sich gedacht hatte, nämlich mit einem Riesenpatzer des Schalke-Tormanns Ralf Fährmann, den Sergio Agüero in das 1:0 für City umtauschte. In der 38. Minute gab es dann nach einem Videobeweis, der sich wegen eines kaputten Bildschirms hinzog, Handelfmeter für Schalke. Nabil Bentaleb traf zum Ausgleich. Ein weiterer Elfer brachte Schalke sogar in Führung (wieder Bentaleb, 45.). Als Nicolás Otamendi in der 68. auch noch Gelb-Rot sah, schien alles möglich. Doch kurz nach seiner Einwechslung erzielte Leroy Sané ein sehenswertes Freistoßtor (85.), vorausgegangen war ein stümperhafter Ballverlust durch Suat Serdar an der Mittellinie. Und in der 90. Minute stolperte Schalkes Außenverteidiger Bastian Oczipka im Zweikampf mit Raheem Sterling über die eigenen Beine, und Sterling traf zum 3:2-Auswärtssieg. »Solche Ballverluste sind der Wahnsinn«, meinte Schalke-Trainer Domenico Tedesco, »das sind unforced errors«.

»Es schmerzt natürlich, gegen meine alte Liebe zu treffen«, erklärte Sané nach seinem Traumtor. Er war bei Schalke ausgebildet worden. Im Sommer 2016 hatte City ihn für 50 Millionen Euro gekauft. Im Gegenzug durfte Schalke im Januar den 18jährigen Stürmer Rabbi Matondo aus der City-Talentschmiede haben – sollte er sich auf Schalke bewähren, hat City eine Rückkaufoption. Die Bundesliga ist so etwas wie ein Nachwuchszentrum der Premier League geworden, deren Mannschaftskader unter dem Preis eines Krankenhausneubaus kaum mehr zu haben sind.

Im Vergleich der beiden Ligen im aktuellen Spiegel kommen die Engländer nicht so gut weg. Einlaufkinder werden abkassiert: Der FC Everton nimmt 799 Euro pro Heranwachsendem, West Ham United 779, Leister City 668. Und weil sich kaum ein Arbeiter noch die Tickets leisten kann, sind die Stadien voller Gutverdiener und Touristen. Man kann in Ligapartien schon mal die Rufe der Spieler und Anweisungen der Trainer bis rauf zur Haupttribüne hören. Und erst seit Liverpool-Trainer Jürgen Klopp beklagte, dass er sich wegen der vielen Zuschauer, die vorzeitig das Weite suchten, »ziemlich alleine« fühle, harren mehr Leute bis zum Schlusspfiff aus.

Im Stadion von Manchester City gibt es neuerdings ein Luxusrestaurant, aus dem die Gäste wie im Zoo durch eine gläserne Wand den Profis im Spielertunnel bei der unmittelbaren Vorbereitung auf die Partie zuschauen. Man kann schon verstehen, dass Leroy Sané auf Schalke ein wenig nostalgisch draufkam: »Ich muss ehrlich zugeben, dass ich in der ersten Halbzeit, als die Fans die Mannschaft so richtig angepeitscht haben, wieder ein bisschen Gänsehaut bekommen habe.«

Im zweiten Achtelfinalhinspiel am Mittwoch verlor Juventus Turin 0:2 bei Atlético Madrid. »Nacht des Alptraums« titelte Gazzetta dello Sport am Donnerstag und erörterte vor allem zwei Gesten. Cristiano Ronaldo (Juve) hatte den Atlético-Fans, die ihn verhöhnten und auspfiffen, die fünf Finger seiner rechten Hand gezeigt (jeder für einen seiner Champions-League-Titel). Zum anderen packte sich Atlético-­Coach Diego Simeone beim Jubeln mit beiden Händen in den Schritt und sagte: »Das bedeutet, dass wir Eier haben. Viele Eier.« Schon Woody Allen wusste: »Masturbation ist Sex mit jemandem, den man wirklich liebt.« Und solche Liebe braucht keinen Anlass. Simeone: »Die Wahrheit ist, ich habe mich einfach danach gefühlt.«

Die Juve-Aktie brach am Donnerstag zu Beginn des Handels an der Mailänder Börse um 13 Prozent auf 1,25 Euro ein.

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