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Aus: Ausgabe vom 12.02.2019, Seite 16 / Sport
Biathlon

Jochbein weggefroren

Hammer, Zirkel, Ährenkranz und arktische Kälte: Rückblick auf den Biathlon-Weltcup in Canmore
Von Jens Walter
»Oh Gott, ist überhaupt noch alles dran?« (Vanessa Hinz in Canmo
»Oh Gott, ist überhaupt noch alles dran?« (Vanessa Hinz in Canmore)

Die Schießscheiben standen sprachlos und kalt, im Winde klirrte die DDR-Fahne. Beim Biathlon-Weltcup im kanadischen Canmore wurden am Sonntag früh die Sprintrennen abgesagt. Arktische minus 29,5 Grad zeigte das Thermometer bei strahlendem Sonnenschein, als die Entscheidung getroffen wurde. In den Tagen zuvor war die Kälte Gesprächsthema Nummer eins gewesen. Zumindest in der deutschen Delegation ging es dann auch noch um die Flagge der Deutschen Demokratischen Republik, die am Veranstaltungsort neben jener der BRD gehisst war. Einige glaubten an eine Panne, aber die Fahnen erinnerten an die Nationen, die an den Olympischen Spielen von 1988 in Calgary teilgenommen hatten. Damals wurden auch Wettkämpfe in Canmore ausgetragen. Die DDR war mit 53 Athleten angereist, gewann neunmal Gold, zehnmal Silber und sechsmal Bronze, was Rang zwei im Medaillenspiegel bedeutete. Biathlet Frank-Peter Roetsch von der SG Dynamo Zinnwald war im Sprint über zehn Kilometer und im Einzel über die doppelte Distanz unschlagbar.

Gut 30 Jahre später holten die deutschen Frauen am Freitag (Ortszeit) in den Rocky Mountains den ersten Staffelsieg seit mehr als einem Jahr. Die Temperatur lag bei der Generalprobe vor dem Saisonhöhepunkt, der WM im schwedischen Östersund (7. bis 17. März), bei 19 Grad unter Null, der eisigen Wind noch nicht eingerechnet. »Es ist der Wahnsinn. Ich bin ins Ziel und habe gedacht: Oh Gott, ist überhaupt noch alles dran«, meinte Startläuferin Vanessa Hinz nach ihrem Rennen. Sie hatte den Schal übers Kinn gezogen und das Gesicht zum Schutz gegen Wind und Kälte mit schwarzen Tapes bepflastert: »Ich habe ehrlich gesagt auch geweint. Ich habe ein Mädel gesehen, das hatte ein gefrorenes Ohrläppchen.«

Nach dem Reglement des Weltverbands IBU dürfen ab minus 20 Grad keine Rennen gelaufen werden, ab minus 15 Grad muss die Jury in Absprache mit Ärzten entscheiden, ob ein Start vertretbar ist. Lange hatte die Rennleitung über eine Durchführung der Staffeln beratschlagt – und das Go gegeben. Schlussläuferin Laura Dahlmeier fand die Entscheidung »grenzwertig«. »Wenn dir eine Böe durch die Knochen fährt, dann ist es richtig, richtig kalt.« Wegen körperlicher Beschwerden musste Dahlmeier bereits acht Rennen in diesem Winter auslassen, Ende Januar feierte sie im Massenstart von Antholz ihren ersten Saisonsieg. In Kanada konnte sie nun erstmals seit Januar 2018 auch wieder mit der Staffel jubeln, in der Franziska Hildebrand und Denise Herrmann ebenfalls überzeugten.

Dahlmeier hatte Paketklebeband um die Handgelenke gewickelt, andere behalfen sich mit Pflastern im Gesicht, trugen eine Mütze mehr oder zogen dicke Wollhandschuhe über. Hätte sie ihre Finger ausreichend dick eingepackt, meinte Hinz, hätte sie »gar kein Gespür mehr beim Schießen« gehabt. Andere in der Konkurrenz wurden an den Scheiben von gefrorener Tränenflüssigkeit in den Augen behindert.

Dem deutschen Sprintolympiasieger Arnd Peiffer war am Donnerstag im Einzel auf einem besonders kalten Teil der Strecke »so ein bisschen das Jochbein weggefroren«. Er hatte sich eine Erkältung zugezogen und fehlte der Staffel, die in der Besetzung Roman Rees, Erik Lesser, Philipp Nawrath und Johannes Kühn Vierter wurde. »Ich habe das ganze Rennen eigentlich meinen linken Daumen nicht gefühlt«, gab Startläufer Rees anschließend zu Protokoll.

Beim Weltcup in Utah/USA erwarten die Athleten in dieser Woche Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt – nach den Strapazen in Canmore sind dies fast frühlingshafte Aussichten.

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