Gegründet 1947 Dienstag, 23. April 2019, Nr. 94
Die junge Welt wird von 2181 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 12.02.2019, Seite 4 / Inland
Demagogen und Kümmerer

Unterricht bei Nazis

Neofaschistische Partei »III. Weg« ködert in Plauen Kinder und Jugendliche. Stadt setzt auf demokratisches Engagement. Ein Verbot sei nicht möglich
Von Susan Bonath
Straff organisierte Kaderpartei: Aktivisten des »III. Weges« in
Straff organisierte Kaderpartei: Aktivisten des »III. Weges« in Plauen (hier 2016)

Die Neonazipartei »Der III. Weg« mit Sitz im pfälzischen Weidenthal ist mit bundesweit rund 500 Mitgliedern klein. Doch sie ist sehr aktiv. Seit sie vor zwei Jahren im sächsischen Plauen ein »Bürgerbüro« gegründet hat, mimt sie dort die Wohltäterin. Sie ködert Bedürftige, Jugendliche und nun auch Kinder. Seit ein paar Monaten neu in ihrem Angebot ist eine Hausaufgabenhilfe für die Jüngsten. Die hat anscheinend regen Zulauf. Doch lange schwieg die Politik – bis zum vergangenen Donnerstag. Da wollte ein Bürger in der Einwohnerfragestunde wissen: Muss die Stadt dies dulden? Doch Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer (FDP) sieht »keine Handhabe« gegen derlei Umtriebe. Er könne zugelassene Parteien »nicht über das Gesetz hinaus beschränken«, sagte er dem Vogtland-Anzeiger, der am Freitag zuerst darüber berichtet hatte.

Die Hausaufgabenhilfe ist Teil eines komplexen Programms der Neofaschisten zum Anwerben und Indoktrinieren von Nachwuchs. So gaben sie am 7. Februar auf ihrer Internetplattform bekannt, eine »Arbeitsgruppe Jugend« gegründet zu haben. Dort ködert die Partei ihre junge Zielgruppe mit kostenlosen Selbstverteidigungskursen, Sportgruppen, Jugendtreffs, Kinderfesten und Ausflügen. Daneben könnten Schüler zu den Öffnungszeiten im Parteibüro vorbeikommen, um Hilfe bei den Hausaufgaben und in einzelnen Fächern zu erhalten, lockt sie weiter. Dann fügen die Rechtsex­tremen an, worum es ihnen geht: Man wolle das Gefühl für »Gemeinschaft und Zusammenhalt« stärken sowie den Kleinen beibringen, »was Ordnung und Disziplin für ein verantwortungsbewusstes Leben bedeuten«.

Wie hält die Linkspartei, die im Plauener Stadtrat über neun von 42 Sitzen verfügt, dagegen? Der sich nach eigenen Angaben für Jugendarbeit und gegen »Rechtsextremismus« engagierende Linke-Stadtrat Lars Legath beantwortete eine am Freitag gestellte Anfrage von junge Welt bis zum Redaktionsschluss am Montag nicht. Dem Tagesspiegel (Freitagausgabe) erklärte er: »Hinter dem angeblichen sozialen Engagement der Partei Der III. Weg steckt aus meiner Sicht eine geschickte Werbestrategie.« Dabei suggerierten die Neofaschisten, dass es in Plauen keine Alternativen gebe. Dabei sei die Jugendhilfestruktur »sehr gut«. Darüber hinaus existierten auch Hilfsangebote für Bedürftige, womit er auf die von der Partei in der kalten Jahreszeit angebotene »Winterhilfe für deutsche Obdachlose« ansprach.

»Keineswegs sehen wir in Plauen tatenlos dem Tun der Partei zu«, resümierte Stadtsprecherin Silvia Weck am Montag gegenüber jW. Sie wies auf kirchlich-bürgerliches Engagement hin. So gebe es einen »Runden Tisch für Demokratie und Toleranz«, »wo sich eine Vielzahl demokratischer Kräfte zusammengeschlossen hat und die Stadt immer mit am Tisch sitzt«, so Weck. Dort plane man »unter Führung der Kirche gemeinsame Aktionen wie politische Veranstaltungen und Demonstrationen«. Diese richteten sich »gegen menschenverachtende Ideologien und Grundhaltungen« und seien gut besucht, versicherte sie. Außerdem verfüge die 65.000-Einwohner-Stadt über zahlreiche Freizeiteinrichtungen und eine soziale Infrastruktur, wie zehn Kinder- und Jugendklubs, die mit 1,2 Millionen Euro jährlich gefördert würden. Hinzu kämen unter anderem Tafeln, Kleiderkammern, Notunterkünfte für Obdachlose und eine Familienberatungsstelle.

Doch offenbar hält das Eltern nicht davon ab, ihre Kinder in die Hände der Neofaschisten zu geben. In seinem letzten Bericht 2018 stellte der Landesverfassungsschutz fest, dass die Zahl der Neonazis im Vogtland ansteigt. Verantwortlich sei dafür vor allem »Der III. Weg« und seine Umtriebe. In Plauen verfüge die Partei über bis zu 90 aktive Mitglieder. »Mit der Einrichtung des Bürgerbüros im Januar 2017, verbunden mit einer monatlichen ›Volksküche‹, einer Abgabestelle für Kleidung und Spielzeug für bedürftige deutsche Personen und Familien« stelle sie Kontakte zur Bevölkerung her und buhle um Sympathien, schreibt die Behörde darin. Dies ist nicht nur in Plauen die Strategie der Partei, deren »Zehn-Punkte-Programm« teils offen an die völkisch-rassistische und nationalsozialistische Agenda der NSDAP anknüpft.

Ähnliche:

  • Hotspot der Szene: Rechte Demoteilnehmerin in Chemnitz (Mai 2018...
    05.02.2019

    Zschäpe zurück in Sachsen

    Haftstrafe wegen NSU-Morden darf »heimatnah« in Chemnitz verbüßt werden. Hier wurde »Kameraden« schon im Untergrund gerne geholfen
  • Polizisten begleiten einen Rechten beim Aufmarsch in Halle an de...
    16.01.2019

    »Den Bock nicht zum Gärtner machen«

    SS-Flaggen als »schlechter Geschmack« abgetan: Verharmlosung rechter Gewalt durch Juristen in BRD. Ein Gespräch mit Sebastian Scharmer
  • Einheitskluft, Fahnen und soziale Demagogie: Mitglieder der Neon...
    08.01.2019

    Alternative zur Alternative

    Jahresrückblick 2018. Heute: Neofaschistische Parteien wollen bei anstehenden Wahlen punkten – mit Rassismus und antikapitalistischen Phrasen

Regio: