Aus: Ausgabe vom 13.08.2018, Seite 16 / Sport

Diskus in Rio

Eine olympische Hymne

Von Andreas Paul
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»Nur höchster Lobpreis, Kannen vollen Ruhms / Soll Dir gewährt und ausgegossen sein«

Im Zeichen der fünf Ringe in Brasilien

Am Tag des Mauerbaus in Ostberlin

Vor fünfundfünfzig Jahrn. Ein Menschenalter

Ging seitdem hin in Deutschland, hier wohl mehr.

Wo die Favelas sich um Rio säumen

Wie eine Borte Fäulnis und Verrat.

Das Stadion an diesem Vormittag

Gebaut mit ungedeckten Schecks und schwarz

War nur zur Hälfte ausgelastet mit

Den Leichtathletikenthusiasten Rios

Und so halbleer zu nennen eigentlich

Wo sich das Diskuswurffinale schleppend

Und fast ein wenig in die Länge zog

Zur Zeit des Feierabends in Berlin.

Der Favorit, der Goldmedaillienträger

Von London sei verletzt, wurde gemeldet

Und dass ein Hexenschuss ihn niederrang

In seinem Appartement im Sportlerdorf

Als er versuchte, mit dem großen Zeh

Das Licht zu löschen und auch noch den Schalter

Zwar noch erreichte, aber Rückenmuskeln

So ungewohnt verwrungen warn im Bett

Dass er sich nicht mehr aufrecht halten konnte.

Der Bruder des Blessierten aber kam

Ganz lässig ins Finale und war nun

Vielleicht von einer Last befreit, vielleicht

Mit noch viel größrem Auftrag angeknipst.

Sein letzter der sechs Würfe jedenfalls

Ging herrlich weiter noch als alle andern

An diesem Vormittag in Rio griffen.

Die Scheibe malt die Flugbahn in den Raum

Für den Moment, der taut in schnellen Bissen

Der Andruck und die Rotation sind kaum

Berechenbar. Der Rest ist mythisch Wissen.

Ein Diskuswerfer diente als Skulptur

Aus der Antike für das Nazipack

Zur Illustrierung, dass gesunde Körper

Allein die Wohnung nur gesunden Geists

Zur Miete wärn, woran Verbrechen schließt

Und das in ganz erheblich großem Umfang.

Die Olympiade ging vor achtzig Jahren

Über die Bühne unterm Hakenkreuz

In Hitlers Reichshauptstadt. Es waren

Die Spiele des grandiosen Jesse Owens.

Im Weitsprung und im Sprint räumte der ab

Und stahl dem bleichen Führer frech die Show

Mit seiner dunklen Haut und seinem Lächeln.

Jetzt, achtzig Jahre später in Brasilien

Ist Usain Bolt der Superstar im Sprint.

Der läßt wie Kegel Weltrekorde purzeln

Das macht Jamaika anders wesentlich

Gleichauf mit Rastafari und nem Joint.

Kalimba de Lula geklimpert von Dilma, die Stätten

Der Spiele warn fristgetreu fertig gebaut hier in Rio

Und mit der neuen U-Bahn schweben die Sportler

Der Welt vom olympischen Dorf zu Arena und Spielfeld

Für Deine Siegerehrung warst Du sichtlich

Nicht präpariert; vielleicht ging Dir das Pfeifen

Aus fünfzigtausend Mündern noch im Ohr rum

Als Temer, der erst Dilma suspendiert

Und interim das Präsidentenamt

An sich gerissen hatte, die Eröffnung

Auf portugiesisch kurz ins Mikro raunte.

Seit über eine Woche brennt nun schon

Die Fackel von Olympia über Rio

Als ihr in eurem nervenzehrnden Wettkampf

Die Scheiben in den Stadionhimmel schicktet

Wie wenn das selbstverständlich wär. Der Bogen

Den solch ein Diskus in die Luft einschreibt

Ist einer idealen Linie immer

Nur angenähert über sechs Versuche

Für jeden der Athleten im Finale.

Dein letzter, sechster Wurf war plötzlich weiter

Als Dirs bisher im Wettkampf je gelang

Groß auf den Tafeln Deine Siegerweite

Mit Deinem Namen, und die Welt nahm wahr

Dass hier ein Bruder seinen Bruder aufhob

Den Namen Harting abermals ins Buch

Mit den olympischen Annalen setzte

In jener anspruchsvollen Disziplin

Die weltweit jedes Schulkind kennt und übt.

Nur höchster Lobpreis, Kannen vollen Ruhms

Soll Dir gewährt und ausgegossen sein

Du bist der Held jetzt und Gesicht des Diskus

Die Siegerehrung, so ganz ohne Pause

Nach diesem nervenzehrnden Kampf im Ring:

Im Tanz der Endorphine war Dein Körper

Noch ganz am Beben auf dem Siegpodest

Du nahmst, um Dich zu dimmen, kurz zwei Posen

Die weltweit über Fernsehschirme gingen

Die erste: Jesus auf dem Zuckerhut

Mit breiten Armen, Handflächen nach vorn

Die zweite: Dantes Denkmal in Neapel

Den linken Arm erhoben, offne Hand

Zum Himmel weisend (wie den Regen prüfend).

Man war gespannt, ob Du vom Treppchen kippst.

Die Goldmedaille hing Dir schon am Hals,

Und mit verschänkten Armen, Samba tanzend,

Dein eignes Ding abziehend in Brasilien

Auf dem Podest des Siegers, nahmst Du hin

Wie Deutschlands Fahne aufstieg und die Hymne.

Das nahm Dir in der Heimat mancher übel

Du stehst ja bei der Bundespolizei

In Lohn und Brot, da will man Dankbarkeit.

Zwei Tage später hast Du Dich entschuldigt

Der Tanz der Endorphine und so weiter

Vor einer Goldmedaillie bei Olympia

Knickt übers Jahr noch jeder Staatsclown ein

Durch jahrelanges hartes Training hast

Du Dich von Kindesbeinen auf geschunden

Für diesen Traum der Sportler aller Welt

Mal bei Olympia dabei zu sein.

Dem Sieger sei der Ehrenkranz gewunden

Er drückt die Stirn vielleicht in dunklen Stunden

Olympias Gold verfängt nicht als Dekor

Zweitausend Jahre stehn wie nichts davor

Im fairen Wettstreit bester Leichtathleten

Solln die für immer frei ihr Land vertreten.

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