Aus: Ausgabe vom 13.08.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Militär probt Einsatz bei Unruhen

Bundeswehr sucht Hunderte Rollenspieler für Großübung in Ostdeutschland

Von Susan Bonath
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Besichtigungstour auf der Baustelle der Gefechtsübungsstadt Schnöggersburg in Sachsen-Anhalt im Herbst 2016

Die Krise des Kapitalismus bringt Unruhen mit sich. Darauf soll das deutsche Militär gezielt vorbereitet werden. Bei einer einwöchigen Großübung Anfang September in Ostdeutschland namens »Schneller Adler« will die Bundeswehr unter anderem offenbar das Niederschlagen von sozialen Protesten proben. In ihrem Auftrag suchen der TIME-Veranstaltungsservice in Stuttgart und die Firma GS-Vermittlungen in Schrobenhausen insgesamt 260 Laiendarsteller, wie die Magdeburger Volksstimme am 1. August berichtete. Für 60 Euro Einweisungsvergütung und zehn Euro pro Stunde sollen diese zunächst »Urlauber, Angehörige deutscher Konzerne, Drogen- und Falschgeldschmuggler« mimen, später dann Demonstranten.

Stattfinden soll die in drei Zeitfenster eingeteilte Großübung vom 4. bis 11. September zum einen in Rostock, zum anderen auf dem Gelände des Gefechtsübungszentrums (GÜZ) Altmark in Sachsen-Anhalt sowie dem nahegelegenen Flugplatz Borstel nördlich von Stendal, der heute als »Verkehrslandeplatz für Luftsportgeräte« zugelassen ist. Die Agenturen suchen »Männer und Frauen ab 16 Jahren, vor allem Jugendliche, die in dieser Zeit ganztags zur Verfügung stehen«, heißt es dort. Ganz speziell würden an jedem Standort vier Rollstuhlfahrer und einige Personen gesucht, die »bestimmte Krankheitsbilder« wie beispielsweise einen Herzinfarkt oder auch eine Geburt »glaubwürdig darstellen« könnten.

Wie die Magdeburger Volksstimme in ihrem großformatigen Werbebericht informierte, verpackt die Bundeswehr ihre Übungen in folgendes Szenario: In einem fiktiven »industriellen Schwellenland« namens »Aquilanien« sind ethnische Konflikte ausgebrochen. Die staatliche Ordnung zerfällt zunehmend. Das Militär soll zunächst deutsche Touristen und Firmenangehörige evakuieren. Dann geht es darum, Demonstranten, die gegen den Einsatz des deutschen Militärs protestieren, unter Kontrolle zu bringen. »Wichtig ist, dass die Darsteller sich in die Rollen hineinversetzen und dass sie glaubhaft spielen können«, erklärte Georg Schreckhaase von der GS-Agentur. Da habe er aber keinerlei Bedenken. Liege es doch einem 55jährigen Zivilisten grundsätzlich mehr, einen »gestandenen Mann« wie einen Polizeichef oder Bürgermeister zu spielen, »als einem 20jährigen Soldaten«.

Die Großübung sei ein eindeutiger Hinweis darauf, dass sich die Bundeswehr auf das Bekämpfen sozialer Unruhen vorbereitet, sagte Helmut Adolf von der Magdeburger Bürgerinitiative Offene Heide im Gespräch mit junge Welt. Das schließe den künftigen Einsatz im Inneren und in Europa wohl ein, vermutet er. »Gezeigt hat das ja schon der G-8-Gipfel in Heiligendamm vor zehn Jahren, als das Militär die Polizei mit Aufklärungsflügen unterstützt hat«, mahnte Adolf. Zudem kritisierte er die Einbindung des zivilen Raums in die Manöver. »Wir haben in Sachsen-Anhalt drei Truppenübungsplätze, die die Bundeswehr nutzen könnte.« Aber letztlich, so der Sprecher der Initiative, »wollen sie natürlich auch mit Jobs im Militärdienst locken«.

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