Aus: Ausgabe vom 19.07.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Katjes fährt die Krallen aus

Süßwarenfabrikant schluckt Konkurrenz in Europa. Nächster auf der Speisekarte soll DDR-Traditionshaus Halloren sein

Von Gerrit Hoekman
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Investoren läuft das Wasser im Mund zusammen: Halloren-Produktion in Halle

Die Süßwarenbranche in Europa zittert vor gierigen Kätzchen aus Emmerich am Rhein. Der Lakritzkonzern Katjes International frisst nämlich seit einigen Jahren einen Konkurrenten nach dem anderen. Katjes-Chef Bastian Fassin gab gegenüber der FAZ am Montag die Parole aus: »Die Süßwarenbranche ist in Europa noch stark zersplittert. Wir wollen nicht dabei zuschauen, wie sich der Markt konsolidiert.« Er plane Übernahmen von bekannten Marken. Die meisten Süßwarenwettbewerber hätten »viel zuviel Kleinkram«, also zu viele Produkte. Das Unternehmen gab im April laut Handelsblatt »glänzende Jahreszahlen« für 2017 bekannt. Katjes steigerte demnach den Umsatz um fast 20 Prozent auf 269 Millionen Euro.

Großen Anteil daran hat die Übernahme des italienischen Bonbonherstellers Cloetta im vergangenen Sommer. »Als viertgrößter Markt in Westeuropa stand Italien für uns immer im Fokus, um unsere starke Marktposition auszubauen. Mit dem Erwerb der Nummer zwei in Italien und seiner etablierten Marken haben wir einen bedeutenden Schritt für unser weiteres Wachstum gemacht«, so Tobias Bachmüller, neben Fassin zweiter geschäftsführender Gesellschafter von Katjes, gegenüber dem Handelsblatt.

Katjes ist stolz darauf, das erste Süßwarenunternehmen zu sein, das sein Lakritzsortiment komplett auf vegan umgestellt hat. Die Firma sonnt sich in ihrem alternativen Image. Doch was das Geschäftsgebaren angeht, agiert der Konzern streng kapitalistisch: Er kauft fleißig einen Mitbewerber nach dem anderen auf, egal ob in Italien, Frankreich oder in den Niederlanden. In Belgien ist Katjes mittlerweile Marktführer.

Neuerdings sagt man den Emmerichern nach, sie würden die feindliche Übernahme des in finanzielle Turbulenzen geratenen Schokoladenherstellers Halloren aus Halle an der Saale vorbereiten, immerhin das älteste deutsche Unternehmen der Branche. Halloren produzierte unter anderem die DDR-Version der Mozartkugeln. Katjes kauft tatsächlich seit einiger Zeit Anteile und besitzt laut Mitteldeutscher Zeitung im Moment elf Prozent.

Die Angst vor einer Übernahme ist bei Halloren so groß, dass man den Konzern 2016 von der Börse nahm. »Die Hauptversammlungen aus den Jahren 2015 und 2016 sowie einige gut plazierte Informationen und Gerüchte in bestimmten Medien lassen eine deutliche Handschrift erkennen«, erklärte der Hersteller in einer Pressemitteilung im November 2016. Der Abschied von der Börse diene dem »Schutz des Unternehmens, seiner Mitarbeiter und der Aktionäre«. Die Ankündigung des Delistings hatte für einen Kurssturz um 30 Prozent gesorgt.

Im Moment ist der Einfluss von Katjes noch gering: Im April musste das Unternehmen zähneknirschend hinnehmen, dass Halloren seine gesamte Führung austauschte. Sanierungsexperte Ralf Coenen übernahm die Geschäfte. »Wir halten Herrn Coenen für eine Fehlbesetzung, weil er über keinerlei Süßwaren- oder Food-Erfahrung verfügt. Statt dessen wird weiter kaputtsaniert«, wetterte eine Sprecherin von Katjes laut Mitteldeutscher Zeitung. Bis jetzt war Coenen Manager bei Leica und Märklin.

Katjes war mit eigenen Kandidaten für den Vorstand angetreten, die aber bei den Aktionären durchfielen. Dafür hatte der Großteilhaber Charlie Investors aus Luxemburg gesorgt. Der Investmentfirma eilt ein windiger Ruf voraus, weil an ihr offenbar eine Briefkastenfirma in den Niederlanden zur Hälfte beteiligt ist. Um aus den roten Zahlen herauszukommen, verkaufte Halloren im vergangenen Herbst drei Tochterfirmen, die für 60 Prozent des Umsatzes verantwortlich zeichneten. Zwei davon übernahm Magrath, die Muttergesellschaft von Charlie Investors. »Die Heuschrecken und Hütchenspieler übernehmen nun«, warnte Martin Weimann von der Verbraucherzentrale für Kapitalanleger damals in der Mitteldeutschen Zeitung.

Katjes und Charlie Investors kämpfen verbissen miteinander. Im vergangenen September klagte Katjes gegen Halloren, weil die Emmericher finanzielle Unregelmäßigkeiten bei dem Geschäft zwischen den Hallensern und Charlie Investors vermuteten. »Wir haben uns viel zu lange ruhig verhalten. Aber jetzt ist Schluss damit«, kündigte Katjes-Geschäftsführer Tobias Bachmüller in der Mitteldeutschen Zeitung an.

Der Streit ist pikant, denn Charlie Investors zeichnete eine Anleihe, mit der Katjes vor drei Jahren für neun Millionen Euro den oberfränkischen Pralinen- und Schokolinsenhersteller Piasten kaufte. »Es wäre interessant, was Katjes eigentlich wirklich will«, fragte ein Sprecher von Halloren im letzten Herbst ratlos. Eins scheint sicher: Kuscheln wollen die gierigen Kätzchen vom Niederrhein nicht.

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