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Wahlkampfroboter

Maas und Muss

Das reinste Gewissen hat immer der Sozialdemokrat. Wenn er Wahlkämpfern ins Gewissen redet, ist er ganz bei sich selbst. »Politische Parteien sollten im Wahlkampf und auch sonst komplett auf den Einsatz von Social Bots verzichten«, hat Bundesjustizminister Heiko Maas gegenüber der Deutschen Presseagentur gefordert. »Ich will ein Netz der Selbstbestimmung, Vielfalt und Teilhabe.« Ein Satz, wie generiert von einem dieser Softwareroboter, die aus dem zukunftsweisenden US-Präsidentschaftswahlkampf nicht wegzudenken waren. Jeder dritte Trump-Tweet wurde nach einer Erhebung der Uni Oxford automatisch erstellt, das Team Clinton kam wohl etwas zu spät auf den Trichter, hier war es nur jeder fünfte. Möglicherweise konzentrierte man sich zu sehr auf das Anlegen von Profilen virtueller Hillary-Fans und kam nicht mehr dazu, diese ordentlich Botschaften verschicken zu lassen.

Social Bots basieren auf Entwicklungen der US-Armee zur hybriden Kriegführung und wurden auch beim Russland-Bashing im Ukraine-Konflikt schon sehr erfolgreich eingesetzt (ein Forschungsergebnis der Uni Siegen!). Als Alice Weidel im Herbst den Einsatz von Social Bots im Bundestagswahlkampf für eine moderne Partei zum Muss erklärte, war die Erregung so groß wie geheuchelt. Politiker aller Parteien kommen bei ihren »Social-Media-Aktivitäten« längst nicht mehr ohne aus. Heiko Maas wird die Automatisierung der Sozialnetzwerkerei nicht mehr aufhalten können. Eher schon wird er dem uneingestandenen Drang nach eigener Vollautomatisierung erliegen. (jW)

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.07.2017, Seite 11, Feuilleton

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