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Aus: Ausgabe vom 06.07.2017, Seite 11 / Feuilleton
Nachruf

»Eine ganze Epoche«. Zum Tod des Schriftstellers Daniil Granin

Wir beluden Lkw um Lkw mit den Leichen. Das war die grausigste Arbeit meines ganzen Lebens«, erinnerte sich der russische Schriftsteller Daniil Granin 2014 in einer Rede vor dem Deutschen Bundestag an die »Leningrader Front« im Zweiten Weltkrieg, an der die Deutschen »anstelle von Soldaten den Hunger (hatten) einmarschieren« lassen. Berechnungen, nach denen die 900tägige Blockade etwas mehr als eine Million Opfer gefordert hat, seien »eher zu niedrig angesetzt«.

Granin war nach dem Überfall auf die Sowjetunion als 22jähriger Ingenieur in die »Narodnoje opolotschenije« (Volkswehr) eingetreten. 1942 wurde er Mitglied der KPdSU. In der Roten Armee kämpfte er als Infanterist und Kommandant einer Panzereinheit gegen die Faschisten. Als er dann 1956 auf Einladung des Ostberliner Dietz-Verlags, der sein Romandebüt »Bahnbrecher« veröffentlicht hatte, nach Berlin kam, waren »an den Wänden des Reichstags immer noch die Inschriften unserer Soldaten zu lesen«, wie er im Bundestag erklärte. »Eine davon ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: ›Deutschland, wir sind zu dir gekommen, damit du nicht mehr zu uns kommst.‹«

In seinen früheren Romanen und Erzählungen ringen begabte Wissenschaftler mit Bürokratie und ethischer Verantwortung. Ende der 70er gab er ein zweibändiges »Blockadebuch« mit Protokollen zur Belagerung Leningrads heraus (dt. 1984/1987; Koautor: Aliaksandr Adamowitsch). 1988 wurde seine Romanbiographie »Sie nannten ihn ›Ur‹« in der DDR diskutiert. Sie erzählt vom russischen Genetiker Nikolai Timofejew-Ressowski, der bis 1945 in Berlin lebte und dann in ein sowjetisches Straflager deportiert wurde.

Unter Michail Gorbatschow wurde Granin zum Reformer, 1992 trat er aus der KPdSU aus. In der BRD wurde er zuletzt als Freund des Bundeskanzlers a. D. Helmut Schmidt geschätzt, der bei der Blockade Leningrads als Offizier auf der anderen Seite gestanden hatte. Am späten Dienstag abend ist Granin im Alter von 98 Jahren gestorben. »Mit dem Tod von Daniil Alexandrowitsch verlässt uns eine ganze Epoche«, sagte Russlands Kulturminister Wladimir Medinski, »die Epoche der Klassiker«.(jW)

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