Gegründet 1947 Dienstag, 24. Mai 2022, Nr. 119
Die junge Welt wird von 2636 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 03.03.2017, Seite 10 / Feuilleton
Droste

Schuhigt Erdogan!

Von Wiglaf Droste

Der türkische Diktator Recep Tayyip Erdogan hat den ehemaligen taz- und derzeitigen Welt-Kollegen Deniz Yücel in Untersuchungshaft sperren lassen; Erdogans willige Helfer folgten der sie anführenden Terrorqualle auch darin widerspruchslos. Die Vorwürfe gegen Yücel – »Propaganda für eine terroristische Vereinigung« und »Aufwiegelung der Bevölkerung« – sind haltlos; jeder weiß das, die Diplomatie arbeitet im Stillen an der Freilassung Yücels, was den Opfern staatlicher Willkür und Gewalt oft reichlich mehr weiterhilft als das moralisierende Aufgepluster von Leuten, die sich »Menschenrechting« (Friedrich Küppersbusch) auf ihre Sportvereinsfahnen geschrieben haben.

Im Fall Erdogan aber bedarf es tatsächlich einer weltweit vernehmlichen, unmissverständlichen Reaktion; ein noch so winziges weiteres bisschen Appeasement wäre fatal, wenn nicht letal für eine große Region dieser Welt. Als Demokrat darf man Erdogan nicht steinigen; man kann ihn aber schuhigen, also mit alten, schmutzigen, stinkenden Schuhen bewerfen, die man sich zu diesem Zwecke auf dem Müllplatz oder im Last-Hand-Shop besorgt. Schuhhersteller sind gehalten, sehr unstylische Erdogan-Linien zu entwerfen und auf den Markt schleudern zu lassen, Miefmaukenumhüllungen mit hohem Härtegrad.

Deniz Yücel und alle seine Kolleginnen und Kollegen sowie sämtliche aus politischen Gründen von Erdogan und seinen Leuten Eingesperrte müssen sofort aus der Haft entlassen werden; das Recht auf Presse-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit muss auf der Stelle wiederhergestellt werden, Erdogan gehört kein kurzer, sondern ein juristisch einwandfreier Prozess gemacht. Wer weniger verlangt und für weniger eintritt und kämpft, bedarf dringend des Nachhilfeunterrichts in Demokratie. Dass ich, mit unterdessen 55 und Arthrose in beiden Knien, von der Möglichkeit, Erdogan die Eier – so er denn welche hätte – in die Mandeln zu treten, mit Freuden und Kusshand Gebrauch machte, ist meine ganz private Phantasie.

Mehr aus: Feuilleton