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Aus: Ausgabe vom 02.02.2017, Seite 10 / Feuilleton
Country

In der Bar

Von Frank Schwarzberg

Howe Gelb, die coolste Socke des Desert Country Rock, hat sich ein schwarzes Sakko übers weiße Hemd gezogen, die Sonnenbrille aufgesetzt und sich neun auffällige Ringe auf die Finger gezogen. Auf dem Cover seines neuen Albums »Future Standards« schiebt er sich gerade den letzten Ring auf den kleinen Finger, und dann wird er sich ans Piano setzen, in der hinteren Ecke der Bar, es ist die letzte, die noch auf hat. »May you never fall in love« mag man da denken, während schon der Morgen fahl dämmert, die ersten Stühle hochgestellt werden und alles oder nichts mehr (ist das nicht das gleiche?) »clear« scheint. So heißen Titel, die Gelb hier spielt.

Gelb hatte im vergangenen Sommer sein Lebensprojekt Giant Sand aufgelöst. »Heartbreak Pass«, die letzte Platte der Band war eine souveräne Mischung aus pluckerndem Swing Noir, kraftvollem Country Rock, etwas Blues und Jazz und wie so oft wurde der das letzte Lied an besagtem Barpiano gesungen. Mit »Future Standards« überrascht Gelb nun insofern, als er aus dem sanft und schräg am Piano verfertigten Barjazz ein ganzes Album gemacht hat. Zeitlos klingen die Stücke und die minimalistischen Arrangements: Besenschlagzeug und ein bisschen Kontrabass kommen noch dazu, ausserdem frische Begleitvocals von Lonna Kelley: Luft kommt rein von draußen, und die verfremdeten Melodien werden klar.

»Future Standards« ist im Stil von Cole Porter und Hoagy Carmichael gehalten und im Geist von Mose Allison und Thelonious Monk. Typisch für die sympathische Scheißegal-Großspurigkeit von Gelb werden die neuen Songs einfach als künftige Klassiker deklariert. Was die Platte trotz dieser Neuausrichtung zu einer typischen Howe-Gelb-Platte werden lässt, ist seine Lust am Spiel, die seine Musik zu einer so befreienden Angelegenheit macht. Es ist das Spiel mit Sprache, mit Ideen, mit Genres. Um etwas sprengen zu können, muss man es erst kennen, und Gelb ist ein Kenner, und Könner.

Die Aufnahmesessions begannen in Amsterdam (Chet Baker) und endeten in New York (Sinatra). Dazwischen war alles Tucson, Arizona. An der Wand auf dem Coverfoto hängen, unscharf und kaum wahrnehmbar, breitkrempige, helle Cowboyhüte. Die Bar macht jetzt zu. Gelb hängt das Sakko weg, schnappt sich einen Hut, zieht ihn tief in die Stirn, richtet ihn mit zwei Fingern schräg und geht raus, in die flirrende Hitze.

Howe Gelb: »Future ­Standards« (Fire Records)

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