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Aus: Ausgabe vom 08.12.2016, Seite 11 / Feuilleton

Die Sprache verschlagen

Von Wiglaf Droste

Wenn jemand aus Verblüffung, durch Sich-ertappt-Fühlen, einem Schock oder aus schierer Baffheit nicht mehr sprechen kann, sagt man: »Dem hat es die Sprache verschlagen.« Diesen passiven Vorgang gibt es aber auch aktiv: die Sprache verschlagen, sie vermöbeln, verkloppen, sie prügeln und ihr leichtere bis schwerste Verletzungen zufügen.

Dann sitzen Profibrabbler im Fernsehkasten, sogenannte Topleute, zeigen ihr poliertes Schuhwerk vor, das aussagefähiger ist, als sie selbst es jemals sind oder sein werden, ächzen Wörter und automatische Sichselbstherstellungssätze wie »Anforderungsprofil«, »Da ist noch Luft nach oben«, »Selbstoptimierung«, »suboptimal« oder, immer wieder gern genommen, »am optimalsten«, »Nachhaltigkeit«, »Entschleunigung«, »Tranzparenz« et cetera, oder sie plappern’s im Radio, in der Zeitung, im Netz.

Verfugt, verrührt, verkleistert und verklebt wird der Angeberunfug mit Sprachfüllmörtel und Wortsalatfertigdressing wie »halt« – »Die demokratische Gesellschaft ist halt so strukturiert, dass sie von ihrer Struktur her halt keine Flüchtlinge mehr aufnehmen will« –, gegen den nur der Austausch des »halt« gegen ein telegrammartiges »stop« hülfe. Sie vondaheeren die Sprache, blasen und mandeln sich ihrem vorgestanzten Modulteilanalphabetismus auf, machen dicke Backen, nehmen sich furchtbar wichtig, wenn sie demonstrieren, dass man sehr viel sprechen kann, obwohl man es weder kann noch etwas zu sagen hat, und dann schnobern sie noch selbstgefallsüchtig den Sprachflatulenzen hinterher, die ihren Mündern entweichen bis hin zur rhetorischen Sprühwurst.

Wo immer lebende Wesen – und dazu gehört die Sprache erstrangig – erniedrigt, gedemütigt, geschändet, missbraucht und eben wieder und wieder verschlagen werden, verschlägt es mir die Sprache. Ich will nicht anderer Leute Sprachmüllabfuhr sein müssen, die erst ein Logistik- beziehungsweise Logistics-Zentrum gründen und riesige Sprachabfallhalden forträumen muss, um den freien Blick auf die abenteuerliche, faszinierende Wortschatzinsel richten zu können, auf der zu leben ein Traum ist und ein Roman, der Generation für Generation für ein ganzes Leben reicht.

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