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Aus: Ausgabe vom 15.11.2016, Seite 11 / Feuilleton

Apfelkuchen

Von Wiglaf Droste

Der Herbstnachmittag war ein Leuchten. Nahe Werther (Westfalen) wurde ein uns noch ungeläufiger Wald entdeckt, hell schien das Licht durch bunte Herbstfarben, ein erdiger Duft füllte die Nüstern, auf einer Lichtung dann wie hingezaubert ein mit Kuchen und heißem Kaffee gedeckter Tisch, ein 50. Geburtstag wurde gefeiert von sehr angenehm wirkenden, dezenten Menschen.

Später auf einer Bank mit Talblick kam eine Katze angepeest, hoppte zu uns, als hätte sie uns lange vermisst, sprang auf den Schoß, schmuste, als hätte sie nie etwas anderes getan, fünfzig Meter weiter erzählte ein kleines Mädchen: »Sweety ist uns zugelaufen, vor einem Jahr«; da hatte sich wieder jemand ein Zuhause erkämpft, gut so.

Später gab es selbstgebackenen Apfelkuchen, »schön durchgezogen«, wie man so sagt, denn wenn eine Speise durchgezogen ist, dann ist sie nicht durchs Dorf gezogen, sondern eben »schön« durchgezogen, saftig und boskoppig süß-sauer, westfälisch eben. Apfelkuchen ist ein sehr wirksames Antidüsternismittel. Das ist kein Wunder; Apfelkuchen ist Liebe.

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