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Gratzik 80

Paul Gratzik ist einer der letzten Arbeiterschriftsteller des Landes. Das war er auch schon zu DDR-Zeiten, als er Theaterstücke und Romane schrieb, die aus sensibel-bauchkommunistischer Perspektive formuliert, ein ehrliches Ringen um eine funktionierende DDR zum Thema hatten. Sie mussten gegen die Parteibürokratie durchgesetzt werden (die sie als subversiv empfand) oder erschienen gleich in Westberlin bei Rotbuch (wo sie als skurril galten). Besonders sein dort 1977 veröffentlichter Roman »Transportpaule oder wie man über den Hund kommt« gilt als die geradezu genial kunstfertig-konkret verfasste Geschichte eines »proletarischen Odysseus« (»Kindlers Neues Literaturlexikon«) in Dresden. Darin findet sich auch eine pointenselige Beschreibung des sächsischen Metropolenlebens aus dem Mund eines sogenannten Berufsrevolutionärs namens Willy beim Skatspielen: »Die Menschen in unserer Stadt sind das gewöhnt, regiert zu werden. Aber in Wirklichkeit regieren sie allein, und unser Trick besteht darin, sie nie dabei zu behindern«. Wenn das die Montagsdemonstranten ein Jahrzehnt später geahnt hätten – dann wäre der Realsozialismus vielleicht zu retten gewesen.

Der ganze Gratzik ist ohne den literarisch interessierten Sozialstaat DDR nicht zu denken, wo der Sohn eines Knechts in Ostpreußen über die Arbeiter- und Bauern-Fakultäten in der DDR der 50er Jahre Zugang zu Bildung fand. Es gibt einen verschollenen Film von Martin Otting über ihn und einen von Annekatrin Hendel, der unter dem etwas merkwürdigen Titel »Vaterlandsverräter« 2011 in die Kinos kam. Das beste daran ist die erste Szene, in der Gratzik im Sonntagsanzug über einen Teich rudert. Sie fragt ihn, wie das denn war mit der Staatssicherheit und so, und Gratzik haut ein paar Sätze raus, die Andreas Baader glücklich gemacht hätten. Ende der 90er Jahre verfasste Gratzik für diese Zeitung eine lesenswerte Kolumne über sein Landleben in der Uckermark. Dieses Jahr erschien bei Eulenspiegel von ihm »Johannestrieb. Eine erotische Erzählung«. Heute wird er 80. (jW)

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Erschienen in der Ausgabe vom 30.11.2015, Seite 11, Feuilleton

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