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Museumsmafia

Es ist amtlich. Der Londoner Museumsdirektor Chris Dercon (Tate Modern) wird Nachfolger von Intendant Frank Castorf an der Berliner Volksbühne. Das bestätigte am Donnerstag der Regierende Bürgermeister und Kultursenator Michael Müller. »Ich freue mich darauf, dass Chris Dercon 2017 nach Berlin kommen wird«, sagte der SPD-Politiker in der Aktuellen Stunde des Abgeordnetenhauses. Die Personalie ist ein Coup des Kultursenators Tim Renner, der beim Majorlabel Universal groß wurde und seine geistige Heimat im Silicon Valley hat, wo man vom Ensembletheater entweder nie gehört hat, oder man hält es für eine Art Höhlenmalerei (genauso wie gedruckte Bücher). Chris Dercons Fähigkeiten beschränken sich auf ausgezeichnete Kontakte zu »namhaften Künstlern« in aller Welt. Das ist, was zählt in der Kulturmafia. Neben dem Motto »grow or go« (wachse oder weiche). Und so soll Dercon mit einem Jahresetat von 22 statt bisher fünf Millionen Euro gleich noch den Naziflughafen Tempelhof mitbespielen. Als erster hatte sich der scheidende BE-Intendant Claus Peymann (77) dagegen verwahrt, die Volksbühne zum »soundsovielten Event-Schuppen der Stadt« zu machen. Er nannte das einen »Super-GAU« und Renner »die größte Fehlbesetzung des Jahrzehnts«. »Mir bricht buchstäblich der Angstschweiß aus, wenn ich mir vorstelle, was dieser (...) Mann bereits angerichtet hat – und was uns noch erwartet.« Dem hatten sich andere Intendanten im Prinzip angeschlossen, darunter Ulrich Khuon (Deutsches Theater Berlin) und Jürgen Flimm (Staatsoper Berlin). Es war der heilige Zorn der Spätzünder. Zur Eventbude mit Mini-Ensemble ist die traditionsreiche Volksbühne nämlich bereits in den vergangenen Jahren unter Frank Castorf verkommen. (jW)

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Erschienen in der Ausgabe vom 24.04.2015, Seite 10, Feuilleton

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