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Mein Zug, dein Zug

»Fährt mein Zug?« fragt bang und stellvertretend für die paar verbliebenen Leser die FAZ, wenn Lokführer für ein paar Kröten mehr und ein winziges bisschen Arbeitszeit weniger streiken, und ich frage mich: »Haben die da jetzt auch Züge?« Beziehungsweise: Wie borniert kann und darf man eigentlich sein, dass man sich bei Fragen, die gesellschaftlich nicht vollständig bedeutungslos sind, auf die Ebene von »Mein RTL«, »Mein Bac, dein Bac« und »Mein Lok-Führer« begibt? Sich also auf die Weltanschauungsabwesenheit reduziert, die man vor dem Spiegel pflegt und die entsteht, wenn man peinlichen Egoismus mit dem Ausbilden eines Subjekts verwechselt? Ob es daran liegt, dass es die Papier-FAZ demnächst ohnehin nur noch als Umsonstdreingabe im Zug geben wird, wenn überhaupt?

Dass man sich darüber Gedanken macht, wie man auch an Streiktagen sein Fahrtziel erreicht, ist so selbstverständlich wie banal; von einer Tageszeitung kann man mehr erwarten als das Breittreten von Alltäglichkeit. Wer dazu nicht fähig oder willens ist, macht sich überflüssig oder hat sich mit der Überflüssigkeit seiner Arbeit längst arrangiert und kann sich Zug um Zug verdünnisieren, bis nicht einmal ein Schemen bleibt.

Ich halte mich in Streikangelegenheiten an das, was der große Bernd Pfarr in »Sondermann streikt« auf seine nichts zu wünschen übrig lassende Weise so formulierte: »Sdraik! Shef is krume Hunt! Wolle meh Gelt! Und wenige Ahbeit!« So sei es, Mbwala Shildemale ist mein Zeuge.

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.04.2015, Seite 11, Feuilleton

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