Der Schwarze Kanal: »Verkommen«
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Aus: Ausgabe vom 23.01.2015, Seite 15 / Feminismus

125. Geburtstag einer Couragierten

Wie so viele bedeutende Frauen ist sie heute fast vergessen. Heute vor 125 Jahren, am 23. Januar 1890, wurde Cora Berliner geboren, eine der ersten Professorinnen für Wirtschaftswissenschaften in Berlin. Sie engagierte sich früh in der jüdischen Jugend- und Frauenbewegung. Schon kurz nach der Machtübertragung an die Nazis wurde sie im Frühjahr 1933 aus dem Staatsdienst entlassen. Danach setzte sie sich mit Erfolg für die Ausreise und damit Rettung mehrerer hundert jüdischer Menschen ein. Sich selbst konnte sie nicht mehr retten.

Cora Berliner war das jüngste Kind eines Handelsschuldirektors in Hannover. Sie erwarb als Externe das Abitur an einem Knabengymnasium, studierte anschließend Mathematik sowie Nationalökonomie in Berlin und Heidelberg. 1916 promovierte sie mit Auszeichnung. Danach legte sie eine für die damalige Zeit steile Karriere hin: Nach einer Tätigkeit in der Stadtverwaltung Berlin-Schöneberg berief man sie 1919 in das Reichswirtschaftsministerium. 1923 wurde sie Regierungsrätin, 1927 Beraterin in der Wirtschaftsabteilung der deutschen Botschaft in London und 1930 Professorin am Berufspädagogischen Institut in Berlin.

Nach ihrem Rauswurf konzentrierte sie sich auf die Arbeit für die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, wo sie u.a. als Leiterin der Auswanderungsabteilung, in der Lehrerfortbildung und als stellvertretende Vorsitzende im Jüdischen Frauenbund auf vielfältige Weise wirkte. Obwohl sie mehrfach die Gelegenheit hatte, im Ausland zu bleiben, kehrte sie nach Vermittlung von Unterkünften für zahlreiche Menschen immer wieder nach Deutschland zurück, um weiteren Personen zu helfen. Am 26. Juni 1942 wurde sie zusammen mit anderen Mitarbeitern der Vereinigung nach Minsk deportiert – und wenig später vermutlich im weißrussischen Maly Trostinez ermordet.

Auf dem jüdischen Friedhof in Hannover erinnert ein Gedenkstein an Cora Berliner, eine Straße in Berlin-Mitte nahe des Holocaust-Mahnmals trägt erst seit 2005 ihren Namen. Vor ihrem Wohnhaus in der Emser Straße 37 in Berlin-Wilmersdorf wurde im Oktober 2013 ein sogenannter Stolperstein zur Erinnerung an ihre Ermordung verlegt.

(jW)

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