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Am Büffet Gierschlund

Von Wiglaf Droste



Frühstücksbüffets in Hotels sind eine zwiefach ungute Idee. Die Manager der Absteigen, gerade der hochpreisigen, folgen der Maxime: Klatsch den Leuten den Matsch aus irgendwo zusammengemascheltem und geramschtem Wareneinsatz und Personaleinsparung um die Ohren, dreh ihnen das als ihre ganz persönliche individuelle Freiheit an, erfreue dich des eigenen Geldgewinns und der Dividende, danke, Ende. Und ein Teil der Kundschaft rüpelt und rempelt sich um Rührei und Lachs, als hätte es zwei Jahre lang nichts zu essen gehabt.
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Immer wieder staune ich, was die Leute sich morgens früh schon alles zu erzählen haben, obwohl sie doch gerade erst, teilweise sogar miteinander, die Nacht verbrachten. Oder ist gerade das der Grund? Ist Dauerquasseln das Methadon- und Ersatzprogramm für nichterlebte Freuden? Wird schon sowas sein.

Ein altes Ehepaar am Nebentisch, einander seit mindestens 50 Jahren in wechselseitiger Abneigung treu haßerfüllt verbunden, berichtete sich wechselseitig von der Konsistenz und Beschaffenheit des morgendlichen Stuhlgangs und verrichtete dieses appetitbremsende Wortwerk in einer Lautstärke, die auch jeden Nachbarschaftsfrühstücker Anteil nehmen ließ, denn Anteilnahme ist ja etwas Gutes. Beide belatscherten sich ohne zuzuhören, es galt das matrimonionische Prinzip: zwei Sender, kein Empfänger. Man erlebt das oft; ihres braunen Themas wegen hätte ich speziell diesen zweibeiden Goldstücken von Greisentum allerdings nicht ungern zwei Nutella-Schnitten geschmiert und an die Backen gepeckt, als Notbrot; was sich darauf reimt, hatten sie ja schon zwischen den Zähnen.

Einen Tisch weiter hatte jemand sein Glas Frühstücksfanta geleert, rülpste laut und sah beifallheischend grinsend um sich. Es handelte sich um einen Mann Mitte dreißig, dessen Entwicklung offenbar bei Mitte drei stehengeblieben war. Bringt die Noten, die Sau will singen, dachte ich stillwasserstill; eine weitere Frühstückerin in der Nähe allerdings kommentierte das Gebaren des Rolpsmannes vernehmlich: »... sagte der Pastor, und die Gemeinde war satt.«

In ihren Worten verbanden sich feiner Knigge und dezente Religionskritik auf souveräne Weise, und da ich die Halmafigur meiner Existenz nicht ungern dann und wann auf genau diese beiden Felder setze, war ich sehr angetan. Und warte in freudiger Ungeduld und angesichts der Verhältnisse sicherlich nicht vergebens auf den nächsten Börpsflegel, denn die schönen Worte über den Pfarrer und seine Schäfchen möchte ich auch einmal aussprechen dürfen.
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Erschienen in der Ausgabe vom 19.07.2014, Seite 12, Feuilleton

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