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Von der anderen Seite der Barrikade

Das russische Nachrichtenportal lenta.ru hat vor einigen Tagen Gelegenheit gehabt, in einem Kiewer Lazarett mit zwei bei den Auseinandersetzungen verletzten Polizisten zu sprechen. Lenta.ru hat durchaus Sympathien für die ukrainische Opposition; ein Korrespondent wurde bei den Auseinandersetzungen auf dem Europaplatz von der Polizei zusammengeschlagen. Wir dokumentieren von Reinhard Lauterbach übersetzte Auszüge:

Wie sind Sie verwundet worden?

Wir standen am 22. Januar in geschlossener Formation hinter unseren Schilden auf der Gruschewskistraße. Von Seiten der Protestler begann ein Angriff, ein Stein flog und traf mich am Bein so, daß ich nicht mehr laufen konnte. Es gab damals keinen Befehl an uns, zu stürmen oder jemanden zu verprügeln. Wir standen einfach da und haben niemanden angerührt. Schon gleich nach Beginn des Einsatzes am 20. Januar hatte ich »gebrannt«, aber die Kollegen konnten das Feuer löschen.

Halten Sie das harte Vorgehen Ihrer Kollegen für gerechtfertigt?

Sind das vielleicht friedliche Demonstranten? (…) Mit mir hat hier ein Kollege gelegen, dem hat eine selbstgemachte Granate beide Beine abgerissen. Sie nehmen starke Feuerwerkskörper und drehen auf allen Seiten Schrauben hinein. Und dann beschweren sie sich, wenn sie Splitter von den eigenen Granaten abkriegen. (…) Einen Kollegen haben sie mit einer Schusterahle gestochen, er hatte Löcher in seiner Schutzweste in der Leber- und Nierengegend und eine sieben Zentimeter lange Wunde im Bein.

Werfen Sie Steine und Molotowcocktails aktiv zurück?

Persönlich habe ich das nicht getan. Aber was soll ich denn machen, wenn mir so ein Molotowcocktail vor die Füße rollt? Abwarten, bis er explodiert? Oder bis mein Kamerad und ich in Flammen stehen?

Warum treten Sie auf Liegende ein? Ist das keine Überschreitung Ihrer Kompetenzen?

Man wirft uns vor, daß wir am 30. November die Studenten verprügelt hätten. Aber ich habe selbst gesehen, wie sie einem Kollegen mit einem brennenden Holzscheit das Helmvisier aufgehebelt haben. Er hatte hinterher keine Haut mehr im Gesicht.

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 31.01.2014, Seite 3, Schwerpunkt

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