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Aus: Ausgabe vom 25.09.2013, Seite 13 / Feuilleton

Schalldämpfer

Von Wiglaf Droste
Das Radio im Taxi vermeldete die Rücktrittsankündigung der grünen Gurkin Claudia Roth. Ein Sprecher der Blindenhundegewerkschaft wurde zitiert: »Für die Vollbeschäftigung unserer Kolleginnen und Kollegen ist das ein schwerer Schlag. Solange Claudia Roth sich öffentlich zeigte, hatten wir immer genug zu tun. Wenn diese Frau auftrat, knurrten wir im Umkreis von zwanzig Meilen.«

Im Kulturradio wurde über »Flexitarismus« diskutiert, eine mildere Spielart des Vegetarismus, die ihren Anhängern, die sich Flexitarier nennen, gelegentlichen Fleischverzehr erlaubt. »Überall diese Arier«, stöhnte Ralle, »und die Arien darüber in den Medien.« Er schüttelte unwirsch den Kanonenkugelkopf. Die Kalauerkasse wurde langsam voll.

Der Weltatlas, den ein polnisches Buchgestalterehepaar veröffentlicht hatte, wurde von einer Rezensentin gefeiert. Ralle konnte es nicht lassen. »Das Buch heißt bestimmt ›Leben zwischen zwei Polen‹«, schepperte er, und – zack! – waren wieder drei Euro fällig.


Es folgte ein Kommentar von Gabor Steingart. »Peer Steinbrück hat es nun schriftlich: Er ist kein zweiter Helmut Schmidt. Er ist noch nicht mal ein zweiter Rudolf Scharping. Denn der schnitt als Kanzlerkandidat 1994 um mehr als zehn Prozent besser ab. Daß Steinbrück nach der Bundestagswahl dennoch frohen Mutes war, können Psychologen gut erklären. Sie sprechen von ›Erschöpfungsstolz‹ – der bezieht sich nicht auf das Geleistete, sondern auf das Durchlittene.«

»Ich glaube, der hat einen Erschöpfungsbruch am Koppe durchlitten«, lachte Ralle. Während Jan und ich noch darüber debattierten, ob der Eisprung vom Ermüdungsstolz zum Ermüdungsbruch kalauerkassenpflichtig wäre, kam das Taxi am »L’Escargot« an. Ich zahlte, und wir eilten den Schnecken entgegen.
Droste live: heute, Hamburg-Wilhelmsburg. Rialto, 20 Uhr, 26.9. Ahrensburg, Marstall, 20 Uhr

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