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Ohne Macke ist Kacke

Die erste deutsche Pride-Parade konnten die Menschen am Samstag nachmittag in Berlin-Neukölln sehen. Selbstbewußt, mit »Krummbein und Spasmus, Katheter und Glitzer, den Wahnsinn küssend«, rumpelten und rollten die Menschen, die zu den am stärksten Benachteiligten der kapitalistischen Gesellschaft gehören. Die Demonstration ging am Hermannplatz los. Die Normbürger, zu denen an diesem Tag keiner so gern gehören wollte (»Ohne Macke ist ­Kacke«) und Wohlfahrtsverbände, führen heute den Begriff Inklusion im Mund. Tatsächlich geht es oft nur um Geldaussaugerei. Wußten Sie, daß sämtliche Parteien nicht mehr ohne das Zauberwort auskommen, tatsächlich aber stets Verschlechterungen für die betroffenen Menschen durchsetzen? In seiner Einleitungsrede sagte der Aktivist und jW-Autor Michael Zander: »Verrücktheit und Behinderungen haben immer auch gesellschaftliche Ursachen. Beeinträchtigt- oder Verrückt-Sein ist nicht schrecklich. Wir essen, schlafen, lernen, arbeiten, feiern, flanieren und genießen unser Leben – meistens. Wir tun dieselben Dinge, die alle tun, nur daß wir manches anders machen und einige von uns Unterstützung brauchen. (…) Wir hinterfragen den kapitalistischen Zwang, funktionieren zu müssen, um zu überleben, Leistungen zu bringen, um anerkannt zu sein. Wir verstecken uns nicht, wir zeigen uns. Auf Stigmatisierungen und Ausgrenzungen haben wir keine Lust.« Auf der Abschlußkundgebung sprach eine Veteranin der Krüppelbewegung: Theresia Degener. Heute arbeitet sie als Professorin für Disability Studies und tritt in der UNO für Menschenrechte ein. Alles wurde in Gebärdensprache und für Menschen mit Lernschwierigkeiten in leichte Sprache übersetzt. Über zehn Jahre gibt es diese Art Paraden schon in den USA und in anderen Teilen der Welt, ab jetzt auch in Berlin. Selbstbestimmtes Leben ist das einzig wahre Leben.
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Erschienen in der Ausgabe vom 17.07.2013, Seite 12, Feuilleton

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