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18.02.2013
- → Feuilleton
Ein Fiebertraum
Der Regisseur stand vor mir und vibrierte vor Begeisterung. »Das wird wunderbar. Wun-der-bar!« sprudelte es aus ihm heraus. »Was für eine Performance: Du singst mit Uschi Brüning ›Nutbush City Limits‹, Danny Dziuk und Luten Petrowsky lassen es richtig krachen als Solisten, die Band groovt wie Sau, das wird der Hammer!« Der Theatermann sah aus wie hypnotisiert; er hatte sich in einen Strudel der Selbsthingerissenheit geworfen, und jetzt kriegte er sich nicht wieder ein. »›Nutbush City Limits‹ am Holocaust-Gedenktag«, stieß er schwärmerisch hervor, »das ist das Größte, oder?«
Ich stand wie angenagelt und wollte es nicht glauben. Was redete dieser Schreckensmensch da zusammen? Er gestikulierte weiter. »Ihr tragt alle ganz helle, schöne Kleidung, lässig und elegant! Leichte Mäntel, Hüte, ihr tanzt, das ist heiter und voller Lebensfreude!« Verzückt und leuchtäugig sah er mich an. »Verstehst du? Wir transzendieren den Tod und gehen ins Leben zurück! Das ist die Botschaft: Das Leben besiegt den Tod! Dann hat der Holocaust nie stattgefunden. Dann sind wir frei! Verstehst du: frei!«
Ich verstand nur, daß ich auf der Stelle wegwollte, aber es ging nicht, meine Beine waren wie Blei. Ich versuchte, mir wenigstens die Ohren zuzuhalten, aber auch Hände und Arme waren zentnerschwer, und so ramenterte der Regisseur weiter auf mich ein: »Die paar Spießer, die sich dann aufregen, sind egal. Laß sie ruhig greinen und flennen, die sind doch sowieso schon tot. Vielleicht sind sie sogar noch nützlich, ein bißchen Aufregung hat noch nie geschadet. Aber wie auch immer: Um die geht es nicht, es geht um uns!«
Sein Faszinationsdelirium nahm kein Ende, und ich kam und kam nicht weg. »Wir müssen endlich raus aus der Schuldfalle, die uns ankettet und behindert. Dieser Opferkult macht uns klein und schwach und krank! Kuck dir doch nur Leute an, die das nicht mit sich rumtragen: junge, unbelastete Muslime, kerngesund und voller Tatendrang. Herrlich! Opfer ist doch nicht umsonst ein Schimpfwort! Wir müssen wieder Täter werden, freie Täter! Ja, wir sind Täter! Theatertäter!« Er kam gar nicht wieder runter.
Unter größten Mühen gelang es mir, den Mund zu öffnen. »Nein!« schrie ich gellend und erwachte, klatschnaß zwischen klatschnassen Laken. Oh shit, dachte ich, jetzt bin ich schon nicht in Deutschland und träume trotzdem so einen Mist zusammen. Wieso träume ich denn sowas?
»Weil du Deutschland niemals loswerden kannst, wenn du es nicht annimmst«, sagte der Regisseur und lächelte sehr zufrieden.
Ich stand wie angenagelt und wollte es nicht glauben. Was redete dieser Schreckensmensch da zusammen? Er gestikulierte weiter. »Ihr tragt alle ganz helle, schöne Kleidung, lässig und elegant! Leichte Mäntel, Hüte, ihr tanzt, das ist heiter und voller Lebensfreude!« Verzückt und leuchtäugig sah er mich an. »Verstehst du? Wir transzendieren den Tod und gehen ins Leben zurück! Das ist die Botschaft: Das Leben besiegt den Tod! Dann hat der Holocaust nie stattgefunden. Dann sind wir frei! Verstehst du: frei!«
Ich verstand nur, daß ich auf der Stelle wegwollte, aber es ging nicht, meine Beine waren wie Blei. Ich versuchte, mir wenigstens die Ohren zuzuhalten, aber auch Hände und Arme waren zentnerschwer, und so ramenterte der Regisseur weiter auf mich ein: »Die paar Spießer, die sich dann aufregen, sind egal. Laß sie ruhig greinen und flennen, die sind doch sowieso schon tot. Vielleicht sind sie sogar noch nützlich, ein bißchen Aufregung hat noch nie geschadet. Aber wie auch immer: Um die geht es nicht, es geht um uns!«
Sein Faszinationsdelirium nahm kein Ende, und ich kam und kam nicht weg. »Wir müssen endlich raus aus der Schuldfalle, die uns ankettet und behindert. Dieser Opferkult macht uns klein und schwach und krank! Kuck dir doch nur Leute an, die das nicht mit sich rumtragen: junge, unbelastete Muslime, kerngesund und voller Tatendrang. Herrlich! Opfer ist doch nicht umsonst ein Schimpfwort! Wir müssen wieder Täter werden, freie Täter! Ja, wir sind Täter! Theatertäter!« Er kam gar nicht wieder runter.
Unter größten Mühen gelang es mir, den Mund zu öffnen. »Nein!« schrie ich gellend und erwachte, klatschnaß zwischen klatschnassen Laken. Oh shit, dachte ich, jetzt bin ich schon nicht in Deutschland und träume trotzdem so einen Mist zusammen. Wieso träume ich denn sowas?
»Weil du Deutschland niemals loswerden kannst, wenn du es nicht annimmst«, sagte der Regisseur und lächelte sehr zufrieden.
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Wiglaf Droste