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Deutscher Sommer

Kein Märchen

Es gibt einen Analphabetismus der Kleiderfragen; man sagt auch Freizeitlook dazu. Bei weniger als 14 Grad Celsius flipflopte ein Mann Mitte 20 kurzbehost dem Eingang des Bahnhofs entgegen. Kurz vor der Tür setzte er seine Reisetasche ab und ging in die Knie, um die Tasche zu öffnen und etwas darin zu suchen. Ort und Zeit waren perfekt gewählt; ein Dutzend anderer Reisender sah sich gezwungen, ebenfalls zu stoppen und zu warten, bis der Mann sich entschließen würde, seinen Weg fortzusetzen.

Die Wartenden bekamen allerdings etwas geboten: Dem am Boden Hockenden war die kurze Hose über beide Backen heruntergerutscht, was tiefe Einblicke in äußerst private Regionen seines Körpers gestattete. Der Impuls, wegzuschauen, war enorm, doch zwei Jahrzehnte politischer Erziehung haben uns gelehrt, daß wir »nicht wegsehen dürfen!«
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Also sah ich, was es zu sehen gab; es war haarig und teilweise etwas bröckelig. Wäre ich so alt wie der Lordkrümelbewahrer vor mir, ich hätte die Hinteransicht fotografiert, ins Netz gestellt und dazu naseweis konfektioniert formuliert: »Können die Deutschen Sommer?«

Während die Antwort noch sackte – Nein, woher denn, sie legen auch darauf ja keinerlei Wert –, verschlossen sich meine Nüstern, mein Blick wandte sich ab und ich wählte einen anderen Eingang.
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Erschienen in der Ausgabe vom 08.05.2012, Seite 12, Feuilleton

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