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Aus: Ausgabe vom 16.03.2012, Seite 15 / Feminismus

Pauschalurteile statt Solidarität

Von Mareen Heying
Was war das denn, Frau Maischberger? Unter dem Titel »Ob Billigsex oder Edelpuff: Schafft Prostitution ab!« diskutierten am Dienstag abend fünf Personen mit der Talkerin im Ersten: eine Sozialarbeiterin, ein Politiker, ein Bordellbetreiber, eine Sexarbeiterin (immerhin eine, es ging ja um sie) – und Alice Schwarzer, welch ein Wunder. Warum sollte man auch eine kompetente, wenn auch weniger prominente Feministin einladen, die weiß, wovon sie spricht? Die der Sexarbeiterin eben nicht von oben herab erklärt, sie verkaufe ihre Seele. Die nicht zu wissen meint, was das Beste für minderbemittelte (und migrantische) Proletarierinnen ist.

Das Erste untertitelte Kyra, die Sexarbeiterin, mit »Prostituierte ohne Zuhälter«. Parallel fragte die Moderatorin: »Haben Sie einen Zuhälter?« – »Nein!« – »Es geht also auch ohne?«, lautete die verblüffte Gegenfrage. Prima Vorrecherche, Frau Moderatorin: Die meisten Frauen arbeiten heute ohne.

Die Sozialarbeiterin klärte auf, daß es sich bei Sexarbeit nicht um einen Beruf handelt, denn es fehle »jedes Berufsmerkmal«. Was damit gemeint ist, blieb offen, nachgehakt wurde nicht. Daß eine Hure eine Dienstleistung gegen Entlohnung anbietet, daß sie sich an bestimmte Arbeitszeiten und Arbeitsschutzvorschriften halten muß – alles keine »Berufsmerkmale«? Ebensowenig offenbar die Tatsache, daß die Frauen mit dem verdienten Geld ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen, wie jede andere Person, die »abhängig beschäftigt« ist.


Eine weitere scharfsinnige Moderatorinnenfrage: Welches Frauenbild haben Männer, die zu einer Prostituierten gehen? Man könnte auch fragen: Welches Frauenbild haben Männer, die einer Reinigungskraft einen Schein hinlegen und sagen »Nun mach mal!« Oder: Welches Männerbild haben Frauen, die dem Concierge – oder auch einem Sexarbeiter – einen Schein hinlegen und sich bedienen lassen?

Ein Lichtblick war der Grünen-Politiker Volker Beck, der allerdings selten ausreden durfte. Er verwies darauf, daß Sexarbeit nicht nur heterosexuell ist und plädierte für die dringend nötige Nachbesserung des Prostitutionsgesetzes – um die Rechte der im Gewerbe Tätigen zu stärken.

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