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Aus: Ausgabe vom 06.02.2012, Seite 3 / Schwerpunkt

Opferzahlen: Kalkül mit Menschenleben

Tatsächliche Opferzahlen von Unruhen und Kämpfen zwischen bewaffneten Aufständischen und der Armee und Sicherheitskräften in Syrien sind auch vor Ort nicht zu überprüfen. Journalisten ist es nahezu unmöglich, alle Orte des Geschehens aufzusuchen, um Informationen von Krankenhäusern und von Akteuren beider Seiten einzuholen. Die Namen der mehr als 5000 Zivilisten, die laut UN-Menschenrechtsrat in Syrien getötet wurden, sind bis heute nicht vollständig aufgelistet.

Am zuverlässigsten scheinen die Angaben von Totenträgern zu sein, die Menschen beerdigen. Diese Zahlen allerdings weichen teilweise weit von denen ab, die »Aktivisten« den internationalen Medien diktieren. Ein Beispiel sind Meldungen nur eines Tages aus dem vergangenen Sommer, wonach bei Protesten in dem Damaszener Vorort Maddamija 19 Personen getötet worden sein sollten. Ein Bürger der Stadt machte sich auf den Weg, um betroffenen Familien, die er kannte, sein Beileid auszusprechen und stellte fest, daß deren angeblich getötete Söhne am Leben waren. Auf dem örtlichen Friedhof wurden am nächsten Tag zwei Menschen beigesetzt, »zwei Tote zuviel«, so Einwohner.

Die genauesten Angaben dürfte es über getötete Soldaten und Sicherheitskräfte geben, da deren Namen veröffentlicht werden. Angesichts der eskalierenden Gewalt der letzten Wochen liegen diese Zahlen bei bis zu 2500 Getöteten. Weniger exakt gezählt werden Armeeangehörige, die von Aufständischen aus zivilen Überlandbussen geholt und an Ort und Stelle erschossen werden, wie Augenzeugen berichten. Unbekannt ist die Zahl der Soldaten, die entführt und getötet werden. Das gleiche gilt für Zivilisten. Niemand weiß, wie viele Menschen im Kreuzfeuer zwischen Aufständischen und Armee ihr Leben verloren, wie viele Gefangene zu Tode gefoltert, wie viele Kämpfer und Zivilisten ihren Wunden erlegen sind.


Der rasante Anstieg der Opferzahlen vor und ihr rapider Rückgang nach der Abstimmung im UN-Sicherheitsrat am vergangenen Sonnabend macht deutlich, wie sehr es sich um »politische« Zahlen handelt und wie zynisch mit dem Leben der Menschen kalkuliert wird. Die syrische Bevölkerung zahlt täglich den Preis.

(kl)

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