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09.10.2010
- → Aktion
Warum wir feiern
Die Geschichte der jungen Welt ist schnell erzählt, aber nicht unkompliziert
Foto: Belinda Wolff/jW
Andrang am Stand des Verlags 8. Mai auf der Buchmesse
Frankfurt/M. am Freitag. Gezeigt wurde der Film »Zucker und
Salz«
Foto: Björn Kietzmann
Es war der legendäre Demo-Christian, Berliner Streetfighter
der ersten Stunde, der sich bei uns in diesen Tagen beschwerte:
»Mal feiert ihr 50 oder 60 Jahre junge Welt, dann aber
10 oder 15 Jahre Verlag 8. Mai und LPG junge Welt eG. Was
zählt denn nu?« Die Geschichte ist schnell erzählt,
aber nicht unkompliziert: Die junge Welt war
auflagenstärkste Tageszeitung der DDR, erschien erstmals 1947,
also vor 63 Jahren. Seit Anfang der 50er Jahre kommt sie in einer
GmbH heraus, die Privatpersonen, also keiner Partei oder
Organisation, gehört. Trotzdem wurde der Verlag mit der Wende
zerschlagen, abgewickelt, das Eigentum verscherbelt, Erlöse
dem sogenannten Parteienvermögen zugeordnet. Das umfangreiche
Bildarchiv verschwand im Bundesarchiv oder tauchte später auf
Flohmärkten auf. Geschäftsführer des Verlages war
damals auch Dietmar Bartsch. Die Tageszeitung junge Welt
wurde aus dem Verlag ausgegliedert und für eine Mark an einen
Westberliner verschenkt, dem auch andere Medien in die Hände
fielen. Manche sahen in ihm schon den neuen Willi Münzenberg,
jenen legendären Presseorganisator der KPD aus den 20er
Jahren. Allerdings dachte der neue Münzenberg wohl eher an den
großen Berg Münzen, in den er seine investierte Mark zu
verwandeln gedachte. Angeblich reiste er regelmäßig in
die Schweiz, um Bargeld zu deponieren, angeblich versenkte er eine
Million in der Karibik – weil eine teuer erstandene Yacht
nicht versichert und deshalb die Investition nach dem ersten
Wirbelsturm perdú war. Gerüchte aus der Belegschaft
seiner Medien. Belegt ist allerdings, das eben jener Herr die
junge Welt herunterwirtschaftete oder herunterwirtschaften
ließ. Regelmäßig wechselten die Eigentümer
der jungen Welt, die Vorgängerfirma meldete Konkurs an,
der dann mangels Masse erst gar nicht zustandekam. Mitarbeitende
kündigten sich selbst, wurden von neuen Firmen
übernommen, ein kaum durchschaubares Geflecht an Firmen
entstand, die sich marktunüblich hohe Kosten in Rechnung
stellten. Die Zeitung verlor über die Jahre rasant an Auflage
und wurde 1995 schließlich ganz eingestellt. Verlags- und
Redaktionsmitarbeiter erfuhren dies morgens auf dem Weg zur
Arbeit – über das Radio.
Anläßlich der Feier zu 15 Jahren Verlag 8. Mai und Genossenschaft sowie acht Jahren Büro Buchmesse Havanna: Auftritt von Mary & SilenTone in der jW-Ladengalerie am 7. Oktober
Teile der Belegschaft hatte zuvor gegen diesen Kurs mobilgemacht. Einige wenige wagten den wahnwitzigen Schritt, innerhalb weniger Tage nach dem verkündeten Ende der jungen Welt den Verlag 8.Mai zu gründen, die Titel- und Aborechte zu kaufen und die junge Welt weiter herauszugeben. Ein so kostenintensives Projekt kann aber auf Dauer nicht ohne finanzielle Unterstützung auskommen. Niemand aus der Belegschaft verfügte über notwendiges Kapital, keine Bank ist bereit, Kredite ohne Sicherheiten zur Verfügung zu stellen. Auch der damalige Schatzmeister der PDS, Dietmar Bartsch, verweigerte einen angefragten Kredit. Es blieb als einzige Chance die Gründung einer Genossenschaft. Allerdings dauerte es dann noch bis zum 7.Oktober 1995, dem Gründungstag der DDR, bis hierfür alle Voraussetzungen vorlagen. Und es dauerte nochmals zweieinhalb Jahre, bis in der LPG junge Welt eG genug Kapital angesammelt wurde, damit sie die Mehrheitsanteile am Verlag 8. Mai übernehmen konnte. Seither sind die Mitglieder der Genossenschaft Herausgeber der jungen Welt.
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Was damals eine Notlösung war, erwies sich als Glücksfall: Weil die Finanzierung dieser Zeitung vor allem über selbsterwirtschaftete Mittel des Verlages und über Kredite der Genossenschaft erfolgt, bleibt die junge Welt bis heute unabhängig von großen Verlagshäusern, Parteien, Banken, Religionsgemeinschaften, Anzeigenkunden. Und das ermöglicht ihr bis heute kritischen Journalismus und marxistische Standpunkte. Allerdings steht die junge Welt heute wieder vor einem historischen Wendepunkt: Sie braucht nicht nur Geld, um den laufenden Betrieb aufrechtzuerhalten, sondern zusätzlich Kapital, um Print- und Online-Ausgabe der jungen Welt weiterzuentwickeln. Dieses wird sie auch heute nicht von Banken erhalten. Gemeinsam mit ihren Leserinnen und Lesern werden Verlag und Redaktion die notwendigen Mittel auch für diesen nächsten Schritt aufbringen.
Deshalb feiern wir in diesen Tagen viele Jahrestage: 63 Jahre Tageszeitung junge Welt, 61 Jahre Gründung der DDR, 15 Jahre Genossenschaft und Verlag 8. Mai, acht Jahre Berliner Büro Buchmesse Havanna. Demo-Christian begleitet uns übrigens seit Jahren auf diesem Weg. Als 1997 in Verlag und Redaktion ein erbitterter Streit über die inhaltliche Linie der jungen Welt ausbrach, erschien Demo-Christian mit einem Holzgewehr in den Verlagsräumen und wollte symbolisch Geiseln nehmen, bis sich die Kontrahenten wieder vertrügen. Sie hätten gefälligst ihrer historischen Verantwortung für dieses Projekt gerecht zu werden, war seine zentrale Forderung.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
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Dietmar Koschmieder
