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Fall Sürücü kommt zu den Akten

Berlin. Der Mord an der damals 23jährigen Kurdin Hatun Sürücü vor vier Jahren wird voraussichtlich nicht mehr neu verhandelt. Dies berichtete der Berliner Tagesspiegel am Dienstag unter Berufung auf Justizkreise. Hatun Sürücü war am 7. Februar 2005 wegen ihres »westlichen Lebensstils« von ihrem jüngsten Bruder Ayhan erschossen worden. Dieser verbüßt seit 2006 eine mehrjährige Haftstrafe wegen Mordes. Im Sommer 2007 hatte der Bundesgerichtshof im Revisionsverfahren die Freisprüche gegen zwei mitangeklagte Brüder aufgehoben. Die Berliner Staatsanwaltschaft hatte daraufhin gegen Alpaslan und Mutlu Sürücü, die sich in der Türkei aufhalten, internationale Haftbefehle beantragt. Die Türkei wird die Männer dem Vernehmen nach jedoch nicht ausliefern. Die in Berlin aufgewachsene Hatun Sürücü war mit einem Cousin zwangsverheiratet worden, später versuchte sie gegen den Willen ihrer Familie, mit ihrem Sohn Can ein unabhängiges Leben zu führen.

Am Montag berichteten der Berliner Frauensenator Harald Wolf und Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (beide Linkspartei) über vielfältige Ansätze in der Hauptstadt, bedrohte Frauen und Mädchen zu schützen. Zehn solcher versuchten oder begangenen Delikte sind Wolf zufolge in Berlin seit dem Jahr 2004 bekanntgeworden. Seinen Angaben zufolge wurden 2002 noch 220 drohende oder vollzogene Zwangsehen in Berlin bekannt. 2005 waren es 330, 2007 dann 378 Fälle. Der Anstieg sei auch darauf zurückzuführen, daß »es mehr junge Frauen wagen, sich an Beratungsstellen zu wenden«, sagte Knake-Werner. Sie betonte, das Phänomen beschränke sich keineswegs auf muslimische Familien.


Für den morgigen Samstag ruft die Organisation Terre des Femmes zu einer Mahnwache in Erinnerung an Hatun Sürücü auf, die ab 10 Uhr am Tatort Ecke Oberlandstraße/Oberlandgarten in Berlin-Tempelhof stattfinden soll.(jW)
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Erschienen in der Ausgabe vom 06.02.2009, Seite 15, Feminismus

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