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Leserbrief zum Artikel Energiewende: Macron setzt auf Atomkraft vom 01.03.2021:

Zum Leserbrief von Sigrid Krings

Sigrid Krings schreibt in ihrer Entgegnung auf meinen Leserbrief »Gute Voraussetzungen«: »Frankreich hat und hatte immer um die 20 Millionen Einwohner weniger als Deutschland.« 1960 waren es 28 Millionen weniger, 1980 25 Millionen, 2000 22 Millionen, 2020 noch 19 Millionen weniger. 80 kann gemäß UN-Prognose Gleichstand erreicht sein, um 2100 kann die BRD bereits vier Millionen weniger haben. Sie erreichte sogar schon zweimal Bevölkerungsrückgänge: 1975 bis 1985 (BRD und DDR kumuliert) sowie 2005 bis 2011. Schon in den nächsten Jahren kann sie solche regelmäßig und dauerhaft erzielen, während Frankreich selbst noch am Anfang des nächsten Jahrhunderts (ohne Abbremsung) unter weiterem Wachstum zu leiden droht. Wirkt derzeit noch die niedrigere Siedlungsdichte auf größerer Fläche entspannter, während das Problem in NRW schon sinnlich erfahrbar ist, so schwindet dieser momentane Vorteil sukzessive dahin. Die ökologische Tragfähigkeit wurde vor etwa 20 Jahren für Frankreich auf nur neun, für die BRD auf nur acht Millionen Menschen taxiert, ist also aktuell in Frankreich weniger überstrapaziert als hierzulande, zukünftig aber nicht mehr und danach umgekehrt. Umfassende Anstrengungen zur Familienplanung sind ökologisch für beide und die meisten übrigen Staaten angezeigt. Außer übermäßigem Energiebedarf bewirkt Überbevölkerung auch übermäßigen sonstigen Ressourcenbedarf, aber auch Wohnungsnot und Erwerbslosigkeit. (Alle 20jährigen können ja auch in Frankreich nicht Drogendealer werden.)
Eine staatliche EDF befürworte ich auch. In Baden-Württemberg gibt es allerdings außer der staatlichen EnBW die nichtstaatlichen E-Werke Schönau, die mit 100 Prozent erneuerbarer Energie (nach anfänglicher Ergänzung durch geringe Erdgasanteile) selbst die EnBW noch toppen – was anderswo etwa Greenpeace-Energie, Naturstrom Düsseldorf oder die Solinger Bürgerenergiegenossenschaft ebenfalls leisten. Zur Staatlichkeit müsste gerade in Frankreich noch die Demokratisierung eben dieses Staats treten: Präsidial-»Demokratie« (wie in der Türkei und den USA) passt da nicht ins Bild, das Mehrheitswahlrecht (wie im Vereinigten Königreich) behindert oder verzögert die Etablierung stärkerer Ökoparteien und damit die demokratisch-ökologische Kontrolle der Energiewirtschaft.
Bequeme Hoffnungen auf neu-alte Techniken (»geschlossener Urankreislauf«) werden bestimmt im Detail zu prüfen und zu debattieren sein, aber bitte mit rechtzeitiger, größtmöglicher Skepsis! Was hat das Atomkartell seit einem halben Jahrhundert alles versprochen, beschwichtigt, relativiert, behauptet, abgestritten … Leider relativiert auch Frau Krings: Ursache dreier GAUs war ja nur »menschliches Versagen«, das es zukünftig nie wieder geben wird? Hermann Scheer und Carl Amery fordern in »Klimawechsel«, Technik müsse »fehlerfreundlich« sein, so dass »menschliches Versagen« – also die Überforderung beschäftigter Menschen – nicht mehr in Havarien münde. – Seit über 40 Jahren »kein … Unfall … mit Endlagern«: so what? Nicht nur, dass den Opfern der Kontext Endlager, Betrieb oder Transport ziemlich gleichgültig ist: Gerne unterschlagen werden auch Statistiken, die erhöhte Leukämie- oder Schilddrüsenkrebsraten ausweisen. (Und ja, ich habe schon im Verbund mit anderen Blutplasmaspendern einer Uniklinik das Leben einer Leukämiepatientin gerettet, was ich zur Nachahmung freundlich empfehle. Und ja, es gäbe auch ohne die Atomabenteuer Fälle von Blut- und anderen Krebserkrankungen – allerdings weniger.)
Zunächst seriöser lesen sich die beiden Statistikbeiträge zu Toten und zum Flächenbedarf, bezogen auf produzierte Energiemengen. Doch interessiert mich deren Erstellung: Wo genau sollen Windräder oder Photovoltaik Todesopfer fordern? Die Zuordnung von Verkehrsunfällen oder Arbeitsunfällen beim Anlagenbau wäre methodisch respektabel, doch müsste das Ergebnis dann deutlich ungünstiger für die AKW ausfallen: Auch die bauen sich nicht selbst, und, die Transporte betreffend, haben alle Erneuerbaren (außer Biomasse) den unschätzbaren Vorteil, dass keinerlei Transporte für Brennstoffe und deren Rückstände anfallen. Einleuchtender wäre, dass – wiederum methodisch korrekt – Speichertechniken einbezogen sind, die ja bei Naturkräften in weit größerem Ausmaß erforderlich werden. Lithium für Batteriespeicher fiele mir hierzu ein, doch wären dann ausführlich auch alle übrigen bereits erforschten und noch denkbaren Speichertechniken zu würdigen. Hierzu zur Abkürzung nur zwei Anmerkungen zu den sehr klassischen Pumpspeichern und zum sehr modernen Synthetikgas: Nach Errichtung entsprechender Stromtrassen werden norwegische Pumpspeicher die hiesige Energiewende noch weit besser unterstützen als angeblich »französische AKW Frau Merkel«. (Woher importierte Frankreich im heißen Sommer 2003 während der Abschaltung der AKW zur Vermeidung zu starker Erwärmung der Flüsse seinen Strom? Richtig: aus der BRD.) – Und: Synthetische Gase wie Wasserstoff, Methan oder andere haben zwar unmittelbare Wirkungsgradverluste bei Umwandlungsprozessen. Stellen wir aber in Rechnung, dass wir mit dem reichlichen Strom an windigen Sonnentagen sonst ohnehin nichts angefangen hätten, ist der Wirkungsgrad per saldo in der Gesamtbilanz immer noch höher, als Abschalten bei Spitzenausbeute wäre. Zudem aber ließen sich Wasserstoff und Methan außer zur Rückverstromung auch für wenig stromaffine Verkehrsmittel (sogar Flugzeuge) nutzen.
Doch lerne ich gerne dazu: Welche Solar- oder Windtoten sind mir entgangen?
Bei der Flächenstatistik befürchte ich ebenfalls ein Greenwashing der grauen Energien. Grad gedeiht selbst unter Solarplatten, offenbar genügen ihm ein paar schräge, kurzzeitige Sonnenstrahlen. Davon abgesehen, fehlen in Städten und Dörfern auf sehr vielen Süd-, Südost- und auch Südwestdächern oder auch an den Wänden noch immer die Photovoltaikplatten. (Berlin und Bremen scheinen sie immerhin für Neubauten zu fordern, in Baden-Württemberg beschränkte der Koalitionsbremser CDU derlei wohl auf Gewerbebauten.) – Dass Windräder Sockel brauchen, leuchtet ein, aber der in der Statistik ausgewiesene Flächenfraß lässt dann doch befürchten, es könne einfach der ganze Windpark angesetzt worden sein, der ja im Gegensatz zu den Braunkohlewüsten als Ganzes durchaus noch eine Kulturlandschaft darstellt.
Dass die »friedliche« Atomkraftnutzung der militärischen den guten Willen voraus hat, sei eingeräumt. Ob beides immer unterscheidbar bleibt, stellte Menachem Begin 1981 mit einem Luftangriff auf ein AKW dann doch in Frage. Doch reichen mir auch die »friedlichen« Risiken. Das sicherste AKW steht wohl in Zwentendorf an der Donau: Dazu raffte sich eine Mehrheit der österreichischen Bevölkerung mit einem Nein auf.
Bernhard May, Solingen

Kommentar jW:

Auf diesen Leserbrief antwortete Sigrid Krings:

Interessant, wie die »ökologische Tragfähigkeit« Menschen »taxiert«! Wer entscheidet denn, wie viele Menschen zugelassen und
wie viele abgeschafft werden müssen? Das Finanzkapital mit einer zukünftigen grünen »Weltgovernance« durch eine Ökodiktatur?
Eine solche Ideologie teile ich nicht, und deshalb ist auch für mich an dieser Stelle die Diskussion zu Ende.

Veröffentlicht in der jungen Welt am 25.03.2021.
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